Hacken

von Christoph Braun

SOMMER, 20. Juli 2010

Evessen, 6.42h, 18°C.

Zurück zu den Zen-Gewohnheiten. Der Läufer läuft den langen Lauf, um bald seinen ersten Halb-Marathon zu absolvieren. Der Gärtner stellt sich einen Tag später in den Garten, um Ostfriesische Palmen zu pflanzen, Anzuchtschale nach Anzuchtschale.

Wiederkehrende Fragen bedürfen klarer Antworten.

Der Läufer hört: “Warum läufst du so weit?” -”Weil ich es kann”, antwortet er.

Der Gärtner hört: “Arbeitest du noch im Garten? Du hast vor ein paar Monaten damit so schön kokettiert!” -”Ja”, antwortet er. “Zum ersten Mal im Garten zu arbeiten, das ist ein Sturz in den Pool. Das ist wie der erste Rave. Dann muss man Raver werden.”

Es war in Hachum, einem zu Evessen gehörenden Dorf. Am Wochenende hatte Pascal Fuhlbrügge dort seine Performance “Enthusiasm” aufgeführt. Sie ist benannt nach dem gleichnamigen zweiten Album des Hamburgers und bedeutet einen bedeutenden Schritt weg von den üblichen Laptop-Live-Auftritten, wie sie in der elektronischen Musik ja immer noch üblich sind.

Der Abend war schön und gelungen, mit einem Flohzirkus von Charlotte Pfeiffer und Bildern von Fehmi Baumbach. Aus Wolfsburg war Justin Hoffmann angereist, der dort Kurator des Kunstvereins ist. Er hatte gefragt, nach der Gartenarbeit. Die Zeit nach dem Ur-Enthusiasmus bedeutet eben Arbeit, viel Arbeit im Alltag und am Alltag. Die Frage danach, ob man Gartenarbeiter oder “Gärtner” werden will, sieht aus wie die nach der Null und der Eins. Viele Jahre prägend.

Hoffmann war frisch aus München zurück. Er wies darauf hin, dass seine Band F.S.K. am Dienstag, den 20. Juli im Ampere zu München das wohl einzige  Konzert in diesem Jahr spielt.

SOMMER, 13. Juli 2010

Evessen, 07.08h, 16°C.

Grün wird zu beige: Mit 250 Kilometern pro Stunde rast der ICE von Hamburg nach Hannover. Die Heide liegt in Streifen geschnitten unter der Sonne.

Ein Streifen Mais blaugrün, ein Streifen Kartoffeln grün, ein Streifen blühende Kartoffeln, grün-weiß.

Eine Blumenwiese, eine gemähte Wiese.

Eine Birkenallee.

Ein Streifen Weizen, reifend, von grün zu beige übergehend.

Ein altes Futtersilo, rostrot.

Ein Bahnhofsparkplatz, Teer.

Ein passierender ICE.

Ein “Hundertwasserbahnhof”, schnell durch.

Ein Streifen Traktor mit Wassertank und Schlauch.

Ein Streifen “Wasch-Center Celle”.

Ein Bahnwald.

Zuhause mit dem Fahrrad über die zuwuchernden Feldwege rasen, den Garten vorbereiten im Kopf: Wenn die Sonne knallt, darf es auch im Kopf zünden.

Die Sache mit der Autarkie muss Gestalt annehmen.

SOMMER, 2. Juli 2010

Evessen, 4.38h, 16°C.

Flick, flicker Flicker, Flick Flick.

Helle Straße, dunkle Straße. Die Grenze verläuft kurz vor dem Rittergut Lucklum: Das Gewitter hat zwei Kilometer Luftlinie vor Evessen schlapp gemacht.

Es ist ein Komplex verschiedener Arbeiten, in denen sich ein Künstler der Gegenwart mit dem Flickern auseinandersetzt. Der in Berlin und Chemnitz lebende Künstler Carsten Nicolai nennt ihn Rota. Eine Rauminstallation mit einer Dream Machine-artigen Lichtquelle im Zentrum hat Nicolai inzwischen minimalisiert.

“Rota” ist jetzt auch eine App für das I-Phone. Der Rhythmus des Stroboskopbeschusses auf die Augen lässt sich mit “Rota” ebenso manipulieren wie der Ton.”Frequenz 21-38 Hz. Zustand: Hektik, Stress, Angst.” Oder “Frequenz: 8,0 -13 Hz. Zustand: Entspannte Wachheit. Mögliche Effekte: Erhöhte Konzentrations- und Lernfähigkeit.”

Nicolai beschreibt seine Arbeit und deren Effekte noch im Konjunktiv. So, als wolle er mit “Rota” nicht einfach eine Ästhetik des Bewusstseinsverändernden noch einmal aktualisieren. Sondern als wolle er sie mit Akribie kritisch überprüfen.

Trotz ausbleibender Gewitter machen sich die Kartoffeln. Aus dem AtheneBio-Garten hat Bianca heute die ersten Gloria gebracht.

SOMMER, 21. Juni 2010

Evessen, 7.03h, 9°C.

Ck Ck Fli Fli. Flick. Flicker. Ck Ck. Fli.

Heute baut und vertreibt Dr. David Woodard die Dream Machine. Wie allerdings in der Nr. 1 der Ausgabe von Christian Krachts Magazin Der Freund nachzulesen ist, ist eine Bestellung der Flickermaschine bei Dr. Woodard nicht zu empfehlen.

Der in Kalifornien lebende Komponist erfreut sich eher einer Existenz, die durch echten Wahnsinn und knallhartes Prankstertum irrlichtert. Baut eine Dream Machine-Krypta für eine Ausstellung in Europa; expediert nach Nueva Germania, einer von Nietzsches nationalsozialistisch überzeugter Schwester Elisabeth Förster gegründete Übermenschen-Siedlung im Dschungel Paraguays.

Ob, wann und in welcher Version eine Dream Machine aus Woodards Werkstätten je ankommt, das weiß nur Richard Wagner der Heilige.

Im Gegensatz zu Woodard und seiner Flamboyanz beschäftigt sich Carsten Nicolai in bemerkenswerter Nüchternheit mit dem Flicker Flicker der Dream Machine.

FRUEHLING, 16. Juni 2010

Evessen, 7.04h, 17°C.

Das Ende: Die Kartoffelsaison 2009/ 2010 ist vorbei. Dass es wohl noch im Juni soweit kommen würde, damit hatten alle schon gerechnet. Die Beschwerden und Retouren ließen schließlich die Lindenhof-Crew entscheiden.

So long, Laura. Aber aber, Agria! Dito, Ditta. Nicola! Na, na.

Der Lagerraum mag noch so sehr für Kühle und Dunkelheit sorgen, diese Knollen leben eben. Und sie sehen nicht mehr schön aus.

Der neue Jahrgang reift bereits heran, auf den Feldern des Lindenhof: in Riddagshausen sowie am Volzumer Berg. Anfang Juli beginnt die erste Ernte. Mit Hand und Hacke.

FRUEHLING, 10. Juni 2010

Evessen, 01.13h, 13°C.

Flickerflickerflicker. Flicker. Flickerfli. Die Luft leuchtet in ungeraden Zählweisen. Über dem Dorf hängt ein Gewitter und bollert und blitzt. Darüber: ein weiteres Gewitter. Es leuchtet den Hintergrund aus.

Durch die Fenster geht ein Ruck so vehement, dass die Katzen aufschrecken. Porzellan wackelt. Metall fällt auf den Boden. Drei, vier Stunden später helfen auch geschlossene Fenster kaum noch. Es hagelt auf die Dachschrägen. So laut, so laut… “Ich dachte, die Kinder rasen mit den Bobby Cars durch meine Küche”, sagt der Nachbar.

Flicker. In den Kreuzigungsfilmen aus der Mitte des 20. Jahrhhunderts wurde zwar die Monumentalität des Gewitters gezeigt. Dieses Wibbelige, das an Götterspeise unter Strom erinnert, strich doch erst Peter Jackson in seinen “Herr der Ringe”-Verfilmungen heraus.

Flickerflick. Brutal schön die Idee des Dichters und Beat Poetry-Mystikers Brion Gysin: die Dream Machine. Das Flickern und Flackern als Stimulanz für zuhause, für jede Zeit. Nick Sheehans Dokumentarfilm ist im Netz zu sehen, unter der Adresse www.flickerflicker.com.

Womit noch nicht alles gesagt ist.

FRUEHLING, 7. Juni 2010

Evessen, 6.28h, 13°C.

Der Garten, endlich wieder im Garten. Die Kürbisse unterhalb der Gewächshäuser brauchen nun Zuneigung. Norbert hatte den Boden eben erst fein durchgearbeitet, als der Regen kam.

Groß und mächtig. Mit einer Wucht, die einige Jungpflanzen erdrückte. Mit einem Schlag war der Boden wieder verdichtet.

Da allerdings nur die obere Erdkruste von den Verwüstungen betroffen ist, gilt es, die Kürbisse zu mulchen. Das Heu schützt den Boden vor der Sonne und hält die Feuchtigkeit unter Grund. Regenwürmer und Mikroorganismen fühlen sich so länger wohl in der Erde.

Mit der Schubkarre muss das Heu herbeigefahren werden. Der Weg führt in fünf Metern Entfernung an den beiden Bienenstöcken vorbei und kreuzt direkt die Einflugschneise.

Eine Biene verheddert sich im Kopftuch, eine zweite im Haar.

Der Stich trifft genau die Mitte zwischen Ohrläppchen und Muttermal. Dort, wo alles Knorpel ist.

Ein schwarzer Punkt, der immer bleiben wird. Tattoo der Bienengöttin!

FRUEHLING, 4. Juni 2010

Evessen, 6.54h, 13°C.

Stickstoff und Wasserstoff verbinden sich zu Ammoniak. Dieser Gestank sticht.

Die Seinstedter Weide hätte endlich fertig hergerichtet werden sollen. Dann aber befahlen höhere Wesen: Hühnerstall ausmisten. Norbert hält Sperber. Mit den Eiern der äußerst seltenen Rasse versorgt er sich selbst und bietet sie in seiner Grünen Kiste an. An Ostern waren die Küken geschlüpft und bei Norberts Nachbarn in einem Gartenhäuschen untergekommen.

Samstag indes erwarten Norberts Nachbarn ihre eigenen Hühner.

Am ersten Tag voller Sonne bedeutete das: Raus aus der guten Luft, rein in den Gestank. Mit der Mistgabel immer schön hinein in die Körnerreste und Exkremente. Beim Hieven in die Schubkarre entfaltet sich erst das ganze Bouquet.

Hinterher gilt es, einen Platz für den Hühnermist zu suchen. Im Garten von AtheneBio landet so etwas nicht. AtheneBio bearbeiten einen veganen Garten.

Die Belohnung folgt nach einer guten Stunde.

FRUEHLING, 2. Juni 2010

“Wir hatten  ja keine Waffen. Kaum Waffen. Sicher, Pistolen. Auch Maschinengewehre. Und Handgranaten auch. Das war doch nichts. Wenn etwas passiert wäre, sie hätten uns hier sofort rausgenommen.”

Sim lässt seinen Blick in Richtung Osten schweifen. Hier die Anhöhe über Seinstedt, wo Norberts Schafe demnächst weiden. Drüben liegt der Große Fallenstein, und drüben war DDR. Sim wollte in den frühen 1970er Jahren unbedingt zum Bundesgrenzschutz. Deshalb ging er nicht zum Bund. Wehrdienst verweigern wollte Sim sowieso nicht.

Also wurde er “Kombattant”.

Die Kombattanten gehörten nicht zur Bundeswehr. Es gab nach Verhandlungen zwischen Warschauer Pakt und Nato ein Abkommen, wonach die deutsch-deutsche Grenze auf westlicher Seite von zivilen Kräften bewacht werden sollte. Sim war in Braunschweig stationiert. Hier, im Vorharzland, lief er Patrouille.

Ausgerüstet mit einem Feldstecher blieb ihm viel Zeit, die Vögel zu beobachten. Sehr viel Zeit: Sobald irgend ein Trillern zu hören ist, informiert Sim über die Art. Meist weiß er darüberhinaus zu erzählen, ob ein Männchen oder Weibchen am Kommunizieren ist und ob es Warnschreie ausstößt oder zum Paaren locken möchte.

Direkt nach seiner Zeit als Kombattant ging er zum BGS. Mehr als zwei Wochen blieb er nicht: “Beim Bundesgrenzschutz bin ich politisiert worden.”

FRUEHLING, 28. Mai 2010

Evessen, 6.54h, 9°C.

Das Ächzen der Körper. Norberts Füchse und Hornlose sollen eine neue Fläche beweiden. Lassen Sie mich durch, bitte, ich bin ein Umweltschaf!

Zunächst gilt es, die Fläche in Seinstedt für die Tiere herzurichten. Die alten, verwitterten, kaputten Obstbaumgitter hat Norbert bereits entsorgt. Ein Eimer voller Ösen und Haken steht am Eingang zum AtheneBio-Garten wie eine Trophäe.

Nun muss eine Rolle Drahtzaun zurecht geschnitten werden. Eine Blech-Zange kappt sich durch. Doch bereitet es Mühe, Draht für Draht auf der Breite von 1m zu knippsen, bei einer Masche von 2,5 cm, einem Schneidesollwert von 80cm und einer Zaunrolle im Umfang von 25m. Bedeutet es doch zwei Stunden Sich-Bücken.

O süßer Körperschmerz! Zumal es hinterher noch für eine Stunde zum Holzmachen geht, hinauf in den Buchenwald am Eilumer Horn.

In die Kühle des Abends weht der Roggen mit seinen rötlichen Fransen. Lieblich umspielen sie den Ährenstand. Norbert schwärmt von der neuen Weide in Seinstedt, Südhang, immense Fläche. Da kommt sie, die Vorfreude.