BASS JANUAR 2012: POPULUS TREMULA
Einer wie Ghostpoet kam endlich durch, neue Masters of Ceremony wie etwa die unbekümmerte Azealia Banks oder der queere Aquarius Heaven oder der trippende Jeremiah Jae veröffentlichten herrliche Stücke im zurückliegenden Jahr. Mit Emcee Jermaine betritt nun einer die Weltbühne, dessen Wortflüsse so gewaltig wie elegant durch die Gegenwart fließen. Sein “The Crazy 88″ ist wie ein Weckruf an das neue Jahr, die Renaissance der MCs doch bitte weiter fortzusetzen. Ein 2/4-Beat mit Schlepptrick, und dazu die ebenso närrische Eröffnung: “Call the cops as I drop this synopsis.”
Abgesehen von der völlig danebengegangenen Coki-EP “Don’t Get It Twisted” auf Deep Medi Musik machen im Januar 2012 vor allem die Flächen von sich reden, die Atmos. Tim van de Vetter ist ein junger Produzent aus Antwerpen, nennt sich Locked Groove und haut mit seinem Debüt für Hotflush “Rooted” gleich dreimal hohe Geschwindigkeit, kurze Haare und nackte Oberkörper raus.
Der Rest gönnt sich kleine, fluffige Wolken.
Auf den Namen “Aspen” etwa ist Christian Löffler nicht wegen einer Poshness gekommen, die es ihm erlaubte, regelmäßig im schniekesten Ort Colorados zu kurlauben. Vielmehr handelt es sich bei den “Aspen” um Vertreterinnen der Gattung Populus tremula, der in Nordeuropa und Asien wachsenden Zitterpappel. Ihr Rascheln gehört wohl – so genau kann man das nicht sagen, Löffler setzt auf Unterschwelliges – zu jenen Geräuschen, die Löffler für die “Aspen EP” (Ki Records) mit einem Aufnahmegerät in den Küstenwäldern des Darß eingefangen hat. Bald schon kommt ein Album von ihm, und da “Signals” locker die Ausmaße der Hamburger House-Eleganz erreicht und das Titelstück außerdem an die narrativen Stärken eines Miwon gemahnt, ist das eine freudige Nachricht.
Das kleine Kissen für zwischendurch stricken drei Acts von der “Pop Ambient 2012″, die natürlich auf Kompakt erscheinen muss: Superpitcher scheint mit “Jackson” einen Song aus der mittleren Phase der Einstürzenden Neubauten zu interpretieren, dessen Titel zur Zeit zu weit entfernt liegt, dessen Zeilen jedoch so lauteten: “Hör’ mich nur atmen/ Doch das beweist nichts/ Inmitten meiner Kreise/ Doch deren Mitte bin ich nicht.” Von der LP “Haus der Lüge”, wie hieß das Lied denn noch gleich? Simon Scott unterhöhlt Saitenanhäufungen mit einem schwarzen Punkt, während das neue Dream Team des Kölner Techno Mohn alias Jörg Burger und Wolfgang Voigt eine dramatische Ambience kreieren.
Dann ist eine Ruh’. Aus der heraus sich nur noch “Voice From the Lake” schälen darf, die wie eine Endlosschliefe pulsierende Zusammenarbeit von Donato Dozzy & Neel. Angesichts des illustren Kontextes sei hier das Attribut “Ambient House” erlaubt: Es ist gut so.