Hacken

von Christoph Braun

BASS JANUAR 2012: POPULUS TREMULA

Einer wie Ghostpoet kam endlich durch, neue Masters of Ceremony wie etwa die unbekümmerte Azealia Banks oder der queere Aquarius Heaven oder der trippende Jeremiah Jae veröffentlichten herrliche Stücke im  zurückliegenden Jahr. Mit Emcee Jermaine betritt nun einer die Weltbühne, dessen Wortflüsse so gewaltig wie elegant durch die Gegenwart fließen. Sein “The Crazy 88″ ist wie ein Weckruf an das neue Jahr, die Renaissance der MCs doch bitte weiter fortzusetzen. Ein 2/4-Beat mit Schlepptrick, und dazu die ebenso närrische Eröffnung: “Call the cops as I drop this synopsis.”

Abgesehen von der völlig danebengegangenen Coki-EP “Don’t Get It Twisted” auf Deep Medi Musik machen im Januar 2012 vor allem die Flächen von sich reden, die Atmos. Tim van de Vetter ist ein junger Produzent aus Antwerpen, nennt sich Locked Groove und haut mit seinem Debüt für Hotflush “Rooted” gleich dreimal hohe Geschwindigkeit, kurze Haare und nackte Oberkörper raus.

Der Rest gönnt sich kleine, fluffige Wolken.

Auf den Namen “Aspen” etwa ist Christian Löffler nicht wegen einer Poshness gekommen, die es ihm erlaubte, regelmäßig im schniekesten Ort Colorados zu kurlauben. Vielmehr handelt es sich bei den “Aspen” um Vertreterinnen der Gattung Populus tremula, der in Nordeuropa und Asien wachsenden Zitterpappel. Ihr Rascheln gehört wohl – so genau kann man das nicht sagen, Löffler setzt auf Unterschwelliges – zu jenen Geräuschen, die Löffler für die “Aspen EP” (Ki Records) mit einem Aufnahmegerät in den Küstenwäldern des Darß eingefangen hat. Bald schon kommt ein Album von ihm, und da “Signals” locker die Ausmaße der Hamburger House-Eleganz erreicht und das Titelstück außerdem an die narrativen Stärken eines Miwon gemahnt, ist das eine freudige Nachricht.

Das kleine Kissen für zwischendurch stricken drei Acts von der “Pop Ambient 2012″, die natürlich auf Kompakt erscheinen muss: Superpitcher scheint mit “Jackson” einen Song aus der mittleren Phase der Einstürzenden Neubauten zu interpretieren, dessen Titel zur Zeit zu weit entfernt liegt, dessen Zeilen jedoch so lauteten: “Hör’ mich nur atmen/ Doch das beweist nichts/ Inmitten meiner Kreise/ Doch deren Mitte bin ich nicht.” Von der LP “Haus der Lüge”, wie hieß das Lied denn noch gleich? Simon Scott unterhöhlt Saitenanhäufungen mit einem schwarzen Punkt, während das neue Dream Team des Kölner Techno Mohn alias Jörg Burger und Wolfgang Voigt eine dramatische Ambience kreieren.

Dann ist eine Ruh’. Aus der heraus sich nur noch “Voice From the Lake” schälen darf, die wie eine Endlosschliefe pulsierende Zusammenarbeit von Donato Dozzy & Neel. Angesichts des illustren Kontextes sei hier das Attribut “Ambient House” erlaubt: Es ist gut so.

NACH DER SCHAR

Spinnen! Da unten verharren sie im Garten von Bianca und Norbert. Spinnen auf vier Beinen, verrostet schaukeln sie im Wind und haben sich zuwuchern lassen von Gestrüpp, von Seilen und von wegfaulenden Früchten.

Noch vor Wochen trugen die traurigen Gestalten pflückreife Bohnenhülsen. Nun ist die himmlische Schar über sie hinweg geritten, hat schwere Stürme wehen lassen und das Land mit Regen überschüttet und auch ein wenig, wenn auch nur ganz wenig Schnee.

Die vierbeinigen Eisenstangen sollen deshalb jetzt raus aus der Erde. Athene Bio: Alles aufräumen, auch aus Eilumer Rechnern ist die Saatgut-Bestellung fürs Frühjahr schon weggeschickt worden. Mit den Spinnen soweit durch, pflanzen Oberhacker Norbert und sein Skriptkiddie zwei Bäume. Mit der Zwetschge und dem Apfel ist die Reihe jetzt komplett. Ende Januar richtet sich hier alles schon auf das Nahende aus, auf das Treiben.

Gibt’s Lämmchen, Norbert? “Längst. Habe am Vilgensee ja die Böcke mitlaufen.”

GLÜH, GLÜH

Da war noch ein Stern am Himmel. So ein Leuchten, und so ein Nachglühen in den Kanälen, Verbaucherzentrale, Polizei, FBI: “Ei, es hat geleuchtet, geleuchtet hat’s, und das auf den Heiligen Abend!”

Die Geschichte war lustiger, als sie sich Nino Magick Consultancy, Eric Schemer, Verena Dauerer, Markus Verschollen, Andrea Wienck, Fynn Steiner, Joachim Franz Büchner, Ava Fe, Dirk Lehmann, Jorge Wittersheim, Wolf Hogekamp, Heiko Gogolin, Andi Otto, Nils Dittbrenner, Charlotte Pfeiffer, Pascal Fuhlbrügge, Matthewdavid, Alfred Braun, Ghostpoet, Fehmi Baumbach, Colin Böttger, Mirel Wagner, James Din A4, Minna Parikka, Clément Chéroux, Gesa Anne Trojan, Markus Engel, Shila Khatami, Martin Salzer, Birgit Bauer, Gregor Hildebrandt, Kerstin Pietsch, Kerstin Steinmeyer, Kerstin Herrmann, Johannes Schnur, Robin Hinsch und Stefanie Röber je gemeinsam am Telefon hätten ausdenken können.

Da hätten sie schon Fennesz anrufen müssen! Da wären sie wohl mal wieder nicht darauf gekommen. Immer, wenn von einem der wohl ausgewählten Künstler des Londoner Labels Touch die Rede ist, muss man schließlich über die Cover sprechen. Der Labeleigner Jon Wozencroft ist Fotograf, Grafiker und Experte in Fragen der Übersetzung von RGB zu CMYK und zurück. Er schießt sie selbst, die Fotografien für die Touch-Veröffentlichungen.

Die Himmels-Show zu Heiligabend 2011 nahm Wozencroft bereits im September vorweg. Für Seven Stars, die erste Solo-Veröffentlichung seit Jahren des zwischen Wien und Paris pendelnden Electronica-Granden Christian Fennesz. Die Cover-Pappe zeigt einen Stern im Himmelsausschnitt, glasklar, eiskalt. Sauber.

Die Fennesz-Musik hält das aus und zieht mit und setzt dagegen. Auf “July” rauscht eine komplizierte Landschaft ins Dunkel, “Liminal” gerät zu einem Möbius-Band aus Chorus-Bässen, und “Drone” lässt sich am Beispiel des Stückes “Shift” auch mal mit “drohen” übersetzen.

Im Titelstück setzt sich ein echter Mensch an ein Realo-Schlagzeug, und dann zerfließen die Gitarrensaiten in ein neues Jahr, das sogar einen Sommer bringen wird. Von großer Wirkung ist diese 10-Inch-EP von Fennesz gewesen, “Seven Stars”, weil sie sich über das Jahr wölbte und es nun beschließt.

Wohl ahnend, dass seit einigen Wochen schon die Saatgut-Kataloge in Evessen eintreffen. Der Garten 2 nimmt Gestalt an. Wenn auch vorerst nur in Denkschleifen und auf Papierseiten.

BASS DEZEMBER 2011: ENDE UND ANFANG

Das Jahr war wild. Das Jahr war gut. Eine Postkarte von der Lektorin aus der Anselm Kiefer-Ausstellung in Baden-Baden, eine Schar Krähen flattert aufgeregt durch die Buchen am Elmrand. Die Treigbjagd hat schon wieder am 8. Dezember stattgefunden.

In Straßburg zeigen sie Henry Fuseli und andere Swedenborg-Exegeten, im Kino läuft Rolf Eden, die Galerie Tanja Pol zeigt Fotos von Wolfgang Burat aus der Gründungszeit der Spex. Im Garten 2 ist die Hi-Fidelity-Anlage aufgebaut. Es läuft Zomby.

Es war ein Jahr voller Ecken und Kanten, Überlagerungen und Affekten, Sinn und Blödsinn. Wenigstens aber hatte das Jahr einen Anfang, das war Zomby. Es hat ein Ende. Auch das lautet Zomby.

Nothing klingt wie eine mit Behutsamkeit durchgeführte Synthetisierung des alten Zomby mit dem neuen Zomby. Das bedeutet Hi-End-Jungle. Denn der anonyme Produzent lockte ja bereits im Juli die Katzen hinter dem Ofen hervor. Das war, als das Jahr 2011 begann. Mit den Tracks von Dedication: Musik, dessen Bassfundament zutiefst tönte, die aber gerade in den höchsten Höhen brillierte wie ein Kristall. Das Label 4AD bezeichnet “Nothing” nun als „EP“; die 7 Klangwelten jedoch sind so hittig und dabei doch so weitläufig und komplex, dass der Unterschied zum Album einfach ausgemerzt wird. Hier kehren sie nun zurück in diese Hoch-Tief-Matrix, die Amen-Breaks, die MCs, die Druckluftfanfaren; kehren mit ihnen auch die Konzepte aus der Ursuppe des Ravens wieder, Peace & Love & Unity. Auf „Equinox“ gelingt es Zomby gar, mit der Gesamtheit der Tonspuren zu jonglieren. Als hätte er bloß eine Rassel in der Hand und kein kompliziertes Digitalgefüge vor sich auf dem Bildschirm, schaltet er umstandslos vom orthox gespielten 4/4-Takt in einen Shuffle um – Moment! Mental!

Draußen gerät die Weltklimakonferenz zur Farce. Die Bayern spielen erst morgen. Zeit, sich Fabian Marti anzuschauen.

DAS GROSSE EVESSENER LIEDERBUCH: HEWLETT’S DAUGHTER

Das Große Evessener Liederbuch

-Achtzehnter Eintrag-

Hewlett’s Daughter

in der Version von Grandaddy, 2000.

Text und Musik: Jason Lytle, 2000.

Hewlett’s daughter

Loved her father

And I think she loved me too

For a little while

EPIC VIBELAND

Gute Schwingungen also, Vibrationen, wie sie sonst nur aufgeweichte Schokoladenkekse auszulösen vermögen. Die Peaking Lights verströmen diesen Geschmack ebenso wie Brian Wilsons Chöre.

Die Peaking Lights klingen wie ein Iphone, auf dem ein Fan ausnahmslos Beach Boys-Playlisten angelegt hat und das am Strand vergessen worden ist. Nun liegt es da, übertönt von der Brandung, der Gischt, vom Möwengeschrei und den Geräuschen, die durch das Auftragen von Sonnenöl auf Menschenkörpern entstehen.

Ja, diese acht Songs auf 936 sind um mehr als 40 Jahre jünger als die Smile Sessions der Beach Boys, sie klingen auf Anhieb jedoch älter, viel älter. Nach sechs Monaten als Liebling der anglo-amerikanischen Blogs wird das Album nun offiziell in Deutschland auf den Markt gebracht.

Aaron Coyes und Indra Dunis, abgekürzt A.C.I.D., leben im kalifornischen Spring Queen. Doch scheint ihnen diese Angabe vernachlässigbar vorzukommen. Das A.C.I.D.-Pärchen jedenfalls gibt als Wohnort “Epic Vibeland” an. So taucht kein Keyboard ohne Anschlagsverzögerung auf, wiederholen sich die Bassläufe in eleganter Penetranz, durchlaufen Indar Dunis und ihre monotonen Gesänge ein Gefüge aus Labyrinthen, erbaut aus Echo und Hall.

Die Musikgeschichte erzählt sich rückwärts, in einem Augenblick erklingen Neo-Krautrock und Broadcast, dekonstruktivistische New Wave-Bands wie Pink Militairy und die Au-Pairs, Can, Fairytale Folk, Beach Boys, Bach, Gregorianik. Die Erfindung der Trommel.

“All The Sun That Shines”, “Marshmellow Yellow”, “Birds Of Paradise”: die Temperatur in Da House Of Music bleibt sommerwarm.

DA HOUSE OF MUSIC

Überall im Haus hallen Stimmen wider, werden Saiten gestimmt, beginnen Grüppchen mit neuen Versuchen. Da House of Music ist voll mit dem Sound of Music. Endlich haben die Beach Boys ihr Smile veröffentlicht. Es hat fast 45 Jahre gedauert, und Brian Wilson soll ja im Verlauf der Aufnahmen des geplanten Großwerks erkrankt sein. So sahen sich Band und oder Plattenfirma wohl genötigt, einen Kommentar mitzuliefern: “Smile” erscheint ergänzt um “Sessions”.

Was ständig als Wilsons bleierner Ehrgeiz bezeichnet worden ist, eben diese Arbeiten an eben diesem Album, das entfaltet hier eine ungeahnte Leichtigkeit. Man wird sorgfältig ausgewählt haben, sicher. Doch der Irrsinn dieser Alternativ-Versionen, dieser Neuansätze und Verschlimmbesserungen von bereits gespielten Passagen ist ein Wahnwitz von ausgeprägter Kindlichkeit. Orff’sche Instrumente arrangieren sich neu, Drehorgelpfeifen und Windmaschinen suchen unter den Händen der Beach Boys, wie sie am besten miteinander klarkommen. Wie sie die übersichtliche Entropie erwirken, die “Smile” charakterisiert. Spinette, Theremine, eine meschugge Klarinette, die beinahe ihren Weg gefunden hätte in den Mittelteil von “Good Vibrations”.

Dazu diese Chöre!

Sie erschaffen alle Weltgeister erneut, und dazu die Jenseitsgespenster, Musen und Götter und Göttinen, die je auf der Erde erdacht worden sind, um mit Hingabe behandelt zu werden. Gute, gute Vibrationen in allen Räumen des House of Music. In “Good Vibrations” öffnet sich ein Tor, mitten im Mitsingteil. Das Öffnen erzeugt einen Windstoß, sodass die Klangwellen in eine neue Richtung getrieben werden, hin in Richtung Skepsis, Frage, und ganz hinten gibt sich die Klage zu erkennen. Schon bedarf es nur eines “Hom-pi-dom-hom-pi-dom” der Engelchen, um all den Zweifel wieder zu vertreiben. “Good Vibrations” landet wieder, wo es begann, beim großen Nichtsdestotrotz - Surf’s Up.

Wenn der letzte Ton dieser 40 Aufnahmen verklungen ist, dann ist das Haus gefüllt wie nach einer Party. Die Leute sind weg. Das aber, was gehört worden ist und vertanzt und beredet, das schlummert auf dem Sofa und im Kühlschrank. Draußen Nebel.

DAS GROSSE EVESSENER LIEDERBUCH: I THINK IT’S GOING TO RAIN TODAY

Das Große Evessener Liederbuch

-Siebzehnter Eintrag-

I Think It’s Going To Rain Today

in der Version von Dusty Springfield, 1968.

Text und Musik: Randy Newman, 1966.

Human kindness

Is overflowing

And I think

It’s going to rain today

FRITTEN-POWER

Den Markt der Pommes Frites möchte BASF Plant Science, die für Gentechnik zuständige Tochter des Chemiekonzerns, nun also aufmischen.

Fortuna, so heißt die Kartoffel. Nichts weiter als der nächste Nadelstich. Laut Pier Paolo Pasolini ist nichts anarchischer als die Macht:

Macht kann im Grunde tun, was immer sie möchte, und was sie möchte ist komplett arbiträr oder von ökonomischen Notwendigkeiten vorgegeben, die jede allgemeingültige Logik übersteigen.

Um Macht geht es der Agrar-Gentechnik. Die Kriterien für die Zulassung entbehren jeder landwirtschaftlichen Logik. Die Lizenzen für genverändertes Saatgut lassen den Herstellern vollständige Kontrolle über ihr Produkt. Solches Saatgut verdrängt sinnvolle Fruchtfolgen auf dem Feld, indem es den Anbau von Monokulturen erzwingt. Es ist eine Macht, die nach Effizienz strebt; Kostenefizienz.

Gerade dieser Monokultur-Anbau jedoch öffnet der Kraut- und Knollenfäule Tür und Tor. Und was ist laut BASF Plant Scienceder unique selling point der Kartoffel Fortuna? Eine höhere Resistenz gegenüber der Kraut- und Knollenfäule.

Klingt wie ein Witz. Eine Stufe höher auf der Treppe geht es noch hiermit: Die Resistenz hat man durch den Einsatz von Genen einer südamerikanischen Wildkartoffel erreicht.

Einfach diese anzubauen, ist nicht denkbar für ein Unternehmen wie BASF Plant Science. Darüber hat man keine Macht. Denn Wildpflanzen lassen sich nicht patentieren, noch nicht, zumindest nicht in der EU.

GARTEN 2

Der Umzug hat an den Kräften genagt. Alles aber wird entschädigt, wenn der Blick aus dem Fenster die Wiese streift und hinauf gleitet über die Büsche zu den Bäumen. Der Kastanienbaum leuchtet halb, halb modert er vor sich hin in braun und gelb. Zwei Apfelbäume, zwei Walnussbäume, fünf Kirschen, zwei Eiben, ein Birnenbaum, eine Zwetschge.

Es ist Alex’ Idee gewesen, einige Pilzsporen in den halb verfaulten Baumstamm  einzuimpfen. Holunder, Erdbeeren, und, Krönung der Schöpfung, Himbeersträucher wachsen.

Eingerahmt von je einem Kräuterbeet an den Seiten des Gartens. Im Süden und im Westen fassen zwei Zuläufe der Beeke das Grundtsück. Dahinter Feuchtgebiete, kein Wortspiel vorgesehen, und Koppeln und Weiden. Vier Pferde rechts, eine Eiche links, sie steht halt da, müsste jetzt nicht unbedingt ein derart symbolistischer Kram von einem Baum sein, sie steht halt nur da.

Wind kommt jetzt auf. Er vertreibt den Hochnebel allmählich und lässt die Sonne wie die Sonne wirken; nicht länger wie einen Mond zur falschen Tageszeit.