Hacken

von Christoph Braun

Hui!

Der Flieder und die Kirschen. Sie rauscht, die weiße Phase.
Vollspeed lässt sie die hellsten Nuancen durch Sonnenstrahl und Regentropfen blitzen. Dieses Jahr geht es noch schneller.
Hui! Schon wuchert das Grün.
Mit 300 Sachen vorbei am Rapsfeld.

Weil es nicht da ist

Am Samstag spielt der Samstag so einen richtigen Samstag. „The Final Countdown“ orgelt aus dem Radio, NDR2 überträgt die Bundesliga, die Sonne sticht. Wasserholen am Bach bedeutet ein Zur-Ruhe-Kommen, denn Baumkronen überdachen den Lauf der Heisterbeeke entlang des Garten 2. Unten an der Weide spült nur das Wasser talwärts. Die Sonne  bleibt oben und scheint anderswohin.

Die Leute gehen in die Disko, in die Kirche und zur Arbeit: weil es noch nicht da ist. Das Prinzip wirkt so nebensächlich. Es könnte sich jedoch gerade wegen der Beiläufigkeit um einen Universalismus handeln, einen Antrieb, einen Trieb: Weil es noch nicht da ist. Oder wie der New Yorker Schriftsteller Jonathan Lethem in seinen kürzlich veröffentlichten „Bekenntnissen eines Tiefstaplers“ den Kollegen Thomas Louis Berger zitiert.  Berger beantwortet die Frage nach dem Grund des Schreibens mit der scheinbar schlichten Wendung:  „Weil es nicht da ist.“

Es gab einmal die Kontingenz. Die Universalvokabel zur Beschreibung der Situation traf zu: Postindustrielle Geselschaften bieten ihren Leuten immer noch eines mehr an. Und noch eines mehr. Das war Kontingenz. Doch die Kontingenz wurde so allumfassend, dass sie zum Langweiler mutierte. Produktiv genutzt wurde ihre analytische Potenz von den Machern der Kulturzeitschrift „n+1“. So kann der Theoriebegriff ganz konkret weiterleben. Als Titel eines der feurigsten Magazine zur Zeit.

Über die Verfasstheit des Sozialen könnte das Prinzip „Weil es nicht da ist“ noch weitreichender sprechen als die „Kontingenz“. Vielleicht könnte sie sogar präzise dabei bleiben. Die Frage, ob „Weil es noch nicht da ist“ ein soziologischer oder ein anthropologischer Begriff werden könnte, ist also noch gar nicht beantwortet. Wie spezifisch muss es laufen? Wo, wann handeln die Menschen nicht gemäß „Weil es nicht da ist“? Der unerfüllte Wunsch nach dem Carbon-Auto, nach Sex im Kerker, nach einer Sacher-Torte ist das eine.

Nur fünf Wörter sind es. Thomas Louis Berger hat das „noch“ gestrichen und damit einen Satz geschaffen, dem weder etwas hinzugefügt werden muss, noch etwas abhanden kommen sollte.

Das Große Evessener Liederbuch: I Go To Sleep

Das Große Evessener Liederbuch

-Sechsundzwanzigster Eintrag-

I Go To Sleep

in der Version von Anika, 2013.

Text und Musik: Ray Davies, 1965.

Anika. Foto: Dan McMahon

Anika. Foto: Dan McMahon

I go to sleep

Sleep

And imagine that you`re here with me

“Wer Fendt fährt, führt”

Jungtomaten "Ruth"

Jungtomaten "Ruth"

Da läuft er. Im Geflügelrhythmus knattert das Looping in eine neue Runde. Denn zwischen Evessen und Ampleben schreckt der Fasan auf. Im Januar hing er noch aufgeknöpft an einem Baum ganz in der Nähe. Dort, wo der Amplebener Berg die Buchen erreicht, hatten sie ihm die Füße zusammen gebunden. Jetzt ist der Frost gegangen und Phasianus colchicus wieder unterwegs. Sonnenbeschienener denn je.

Ein Specht hämmert durch die Luft, das Windrad wird aus der guten Richtung angetrieben.

In Eilum muss gegrubbert, der Boden aufgelockert werden. Ein Grubber wird ebenso an den Traktor angehängt wie ein Pflug. Nur schürft er weniger tief als das bekannte Gerät. Dafür müssen zunächst die Strünke der alten Gewächse runter von den Beet-Reihen. So wächst am nordwestlichen Ende des Gartens ein Kompost-Plateau heran.

Als Norbert auf dem Traktor sitzt – „Wer Fendt fährt, führt!“– bleibt noch Zeit. Die Tomaten sollen raus aus dem Wintergarten. Dort müssen die Kürbisse angezüchtet werden und verlangen Platz. Da Zebra, Ruth und Cherry ein paar Zentimeter nur aus ihren Töpfchen herausragen, vertragen sie die Erschütterungen nicht, die eine Schubkarre auslöst. Also muss jeder Kasten einzeln hoch zum Gewächshaus, im geschnürten Trab, begleitet von einem ständig wiederkehrenden „Dididididi! Dididididi!“. Unverkennbar der Gesang der Gartengrasmücke, wie Norbert Auskunft erteilt.

„Erstaunlich. Eigentlich kehrt die Mönchsgrasmücke immer als erste zurück.“

Das Vogelkonzert

Die Vögel! Ja, die Vögel.

Reihen reinigen, Knoblauch pflanzen, gießen, gießen, gießen.

Das Gesicht glüht nach.

Audio clip: Adobe Flash Player (version 9 or above) is required to play this audio clip. Download the latest version here. You also need to have JavaScript enabled in your browser.

Das Große Evessener Liederbuch: Do The Right Thing

Das Große Evessener Liederbuch

-Fünfundzwanzigster Eintrag-

Do The Right Thing

in der Version von Matthew Dear, 2012.

Text und Musik: Matthew Dear, 2012.

Im the world inside your sleep

Aufschieben

Die Rotoren erhitzen sich. Befeuert werden sie von einem Sturm, dessen Luftmassen eine Ahnung von Endlichkeit über das Land bringen. Und die Wälder und die Polder und die Wiesen und die Felder zeigen sich als Gerippe, hart und fleischlos. Alles, was in ihrem Boden wachsen könnte, steht auf “Pause”. An der Oberfläche Stolpern.

Nach wie vor aufgeschoben ist deshalb auch die Frühjahrsaktion rund um die Weideflächen am Vilgensee in Dettum. Bäume schneiden, Gewässer sichten, Zäune flicken, das sollte alles vor bereits vier Wochen passieren. Und der Winter kam zurück. Seither herrscht das schlechte Geschick.

Der Wind zu hart und die Muskeln zu kalt, mussten Norbert und sein Verein Artenreich die Aktion unter bockspringenden Kakaofarbenlämmchen absagen. Seither wird verschoben. Nun nahen bereits die Osterfeuer. Die Stare durchsuchen seit Monaten die Wiesen und finden nichts. Die Kalkraben und die Falken streiten sich um das Revier über der Pferdeweide.

Die Kälte jedoch hat sich eingenistet und bleibt. Viel, viel zu lange; viel, viel länger; das Junggemüse sprießt in diesen Tagen nur in den Gewächshäusern.