Hacken

von Christoph Braun

WINTER, 3. Februar 2010

Acht Lämmchen im Torfbruch am Vilgensee, und fast täglich werden es mehr.

Wie auch immer das Niedlich-Schema funktioniert: Es funktioniert. Diese Köpfchen. Dieses Fell, gerunzelt in Wellen und Locken und Verdickungen.

Das Tappsen.

Mähhähäa, Mähhhhähä, Mähähee tirilieren sie mit ihren dünnen Stimmchen und verausgaben sich dabei. Nicht selten müssen sie ihr Tönen abbrechen. Es fehlt ihnen einfach noch die Kraft.

Sechs der Tierbabys laufen im kakaobraunen Fell herum; eines in Schokoladencreme, und eines im Naturweiß der Heidschnucken.

Manch ein Muttertier stampft mit dem Fuß, sobald man sich den Kleinen nähert.

Und der Code, er operiert und operiert mit bewundernswerter Exaktheit.

WINTER, 1. Februar 2010

Khaki, rosa, weißgrau; länglich, rund. Geformt wie die Porenkapsel einer Mohnblume. Mitten im Winter, mitten in den unablässigen Schneestürmen treiben Bäume und Hecken ihre Knospen aus.

Das führt zu harten Kontrasten, wenn die frühlingshaften Farben ganz allmählich in der weißen Wüste erscheinen; der Wind brandet scharf aus Osten an. Der Code, das Geheimprogramm der Natur, operiert störungsfrei.

Wie nachvollziehbar das Konzept der Naturreligionen damit erscheint. Gott des Windes, Göttin der Sonne, des Mäusebussards und der Weidenkätzchen. Logischer, viel nachvollziehbarer als die Idee einer einzigen göttlichen Instanz.

Eine kleine Enttäuschung auf dem “Festival Of Darkness” am vergangenen Freitag in Braunschweig: Obwohl die Bands das ganze Spektrum der Schwarzen Szene von Mainstream-Gothic Rock bis hin zu Neo-EBM abbildeten, fehlten unter den kahlgeschorenen Muskelmännern und Vampir-Ladies die Visual Keis.

Sie sind immer so gut geschminkt. Sie sollten eigentlich die Make Up-Policy des Jahres 2010 inspirieren. Ein gutes Puder fehlt noch.

WINTER, 19. Januar 2010

Im Gewächshaus baumeln Seile von den Tomatenstangen herab. Die Erde in den Beeten erholt sich; kein Sonnenstrahl dringt durch die transparenten Folien ins Innere. Nur Lichtschwaden aus Grau und Weiss. Draußen schmilzt der Schnee. Schon seit Tagen tröpfelt es, rinnen Bachläufe um die Graswurzeln, und die abgehenden Dachlawinen krachen und poltern, als kalbte ein Gletscher.

Immer noch ist die Route von Ampleben hoch in den Elm nicht passierbar, denn über mehrere hundert Meter Straßenlänge haben Sturm und Schnee sich eigene Gebirge errichtet. Immer noch sind die Feldwege nur mit dem Traktor zu bewältigen.

Am Vilgensee indes sind die ersten beiden Lämmchen zur Welt gekommen. Coburger Fuchsbabys, bärenbraun und zottelig, auf der Stirn je einen weißen Fleck.

Und Bianca plant die Beete für das Frühjahr.

WINTER, 18. Januar 2010

Die Barnstorfer Salzwiese erstreckt sich zwischen den Dörfern Warle und Barnstorf im Süden Schöppenstedts. Sie gehört zu den wenigen Binnen-Salzbiotopen in Deutschland und steht unter Naturschutz.

Das Land Niedersachsen schreibt dazu:

Die Salzwiese befindet sich im tief gelegenen Bereich einer breiten Talmulde, in der salzhaltige Grundwässer an die Oberfläche aufsteigen und zeitweise in offenen Lachen die Bodenoberfläche bedecken. Durch einen Graben ist das Gebiet in zwei etwa gleich große Bereiche geteilt, in deren Zentren jeweils stark salzhaltige, vegetationslose Schlammstellen liegen. Daran angrenzend finden sich, in Abhängigkeit von der Salzkonzentration, charakteristische Halophytenbestände wie Queller-Fluren, Salzschwaden-Rasen und Salzaster-Bestände. In den Randbereichen schließen sich Flutrasen und Weidelgras-Weiden an.

Auf der drei Hektar großen Fläche der Salzwiese lässt Norbert ein Dutzend Jungschafe weiden. Auf den ersten Blick schon vermittelt die Wiese eine Fremdheit. Die Zusammenhänge rutschen ab. Man kennt die Pflanzen einfach nicht, und sie kommen außerhalb der Küste selten genug vor.

Der Queller etwa taucht üblicherweise in einem anderen Kontext auf. Seine gummiartigen Büsche markieren die Küstenlinien an der See. Der Ästige Queller nämlich ist Pionier; die Pflanze, die ganz nahe am Salwasser zu wachsen vermag.

Es ist also ein Privileg, die Salzwiese überhaupt zu betreten. Selbst Naturschutzschafe brauchen im harten Winter eben Überlebenshilfe. Inzwischen ist die Herde nur noch von der Barnstorfer Seite aus zu erreichen. Der Feldweg, der von Warle aus zur Wiese führt, ist nicht mehr zu passieren.

So bleibt nur der Fußweg vom Barnstorfer Fußballplatz aus. Der Schnee ist tief, der Kartoffelsack fällt immer und immer wieder vom Schlitten herunter, der Ostwind pfeift hart ans Ohr.

Und doch: Pri!vi!leg!

WINTER, 13. Januar 2010

Mit dem Traktor zu den Schafen.

Ein scharfer Sturm bläst aus Ost-Nordost.

Der alte Allrad-Trecker aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist nach allen Seiten offen. Das erfordert Sonderbekleidung.

1 Paar Strümpfe, 1 Paar Wollsocken, wasserundurchlässige Wanderschuhe.

1 Unterhose, 1 Thermounterhose, lang, 1 Jeanshose.

1 Thermounterhemd, lang, 1 T-Shirt, 1 atmungsaktives Laufhemd, 1 Fleece-Laufhemd, 1 Pullover aus Lammwolle, 1 Jacke aus Lammwolle.

1 Arbeitsoverall, grün.

1 Pullover aus Lammswolle, besonders dick.

2 Halstücher, 1 Schal.

1 Halstuch auf dem Kopf, 1 Mütze.

1 Paar Laufhandschuhe, dünn. 1 Paar Arbeitshandschuhe, gefüttert.

Einmal vom Berkelmann-Hof in Hachum zur großen Herde am Vilgensee und zurück: 2 Stunden. Die übliche Zeit: 20 Minuten.

Norbert hustet, fröstelt und redet mit heiserer Stimme. Den Schafen geht es gut.

WINTER, 11. Januar 2010

Das Große Evessener Liederbuch

-Fünfter Eintrag-

Albatross

in der Version der Besnard Lakes, 2009.

Text: Olga Goreas, 2009. Musik: Olga Goreas und Jace Lasek, 2009.

There goes my baby

There goes my baby

There goes my man

There goes my man

WINTER, 9. Januar 2010

Schnee, Schnee, Schnee.

Windböen indes halten Norberts weißen Mercedes Kombi auf der Rückfahrt vom Vilgensee nach Eilum auf halber Strecke gefangen.

Aus den Schneewehen, die einer nach fuzzy logic arrangierten Ordnung folgen, hilft nur die Flucht mit Pick-Up-Cruising auf Skandinavisch: Im eisharten Winter die Kofferraum-Klappe öffnen, die Plätze über den beiden Hinterrädern mit Menschengewichten beschweren, und dann Gas geben.

Es geht noch einmal gut.

Sonntag wird es nur noch mit dem Traktor möglich sein, zu den Schafen zu gelangen.

WINTER, 8. Januar 2010

Evessen, 7.45h, -7°C.  Es ist der Tag vor Daisy, und alles steht im Zeichen Daisys.

Seit Tagen schon ist das Schneetief prognostiziert. Die Vorhersage für den Landkreis Wolfenbüttel prognostiziert ergiebige Niederschläge für Samstagmorgen, den 9. Januar.

Die Jungböcke sind bereits seit Donnerstag von ihrer Weide oberhalb Amplebens in einen Stall auf dem Berkelmann-Hof in Hachum evakuiert. Sechs Stunden lang dreht sich alles heute wegen des bevorstehenden Schnees nur um die Schafe. Üblicherweise dauert es etwa zwei Stunden, die gesamte Schafstour zu fahren.

Am Morgen werden die Schafe mit Kartoffeln versorgt. Später gilt es,  die fünf jüngsten Tiere von einer Streuobstwiese oberhalb Eilums in das Gewächshaus von AtheneBio zu transportieren. Als Schneeflocke erkrankt war, ließ sie sich problemlos tragen. Doch zwei der Jungtiere wiegen erheblich schwerer in den Menschenarmen. Dass Regionen in Rücken und Rumpf nach einem Hacken-Tag schmerzen, das gehört mit dazu. Doch heute verkantet sich sogar der Bizeps.

Zumal auch noch für Heu gesorgt werden muss. Die Tiere in Warle könnten am Wochenende vorübergehend nicht erreichbar sein. Schon jetzt fällt es schwer, den zugeschneiten Feldweg mit einem Kombi zu erreichen. Ein nebenberuflicher Bauer in Winnigstedt, sein Brot verdient er als Angestellter der Telekom, verkauft die Ballen.

Das 800-Einwohner-Dorf Winnigstedt östlich von Schöppenstedt verfügt über einen Blumenladen, einen Kiosk, einen Edeka-Markt und sogar über eine Filiale der Deutschen Post. Ungewöhnlich viele Geschäfte für einen Ort dieser Größe in der Region.

Norbert erzählt, dass Winnigstedt nach der Wiedervereinigung für einen Moment aufblühte. Der Ort grenzt direkt an Sachsen-Anhalt. Um in den Genuss von Westgehältern zu kommen, zogen die Leute hierher. Längst aber hat sich erwiesen, dass so etwa ab Schöppenstedt bereits die strukturschwachen Gebiete beginnen; selbst zu BRD-Zeiten wurden der Wirtschaft so genannte “Zonenrand-Fördergelder” gezahlt.

Die Industrie-Achse Wolfsburg - Braunschweig - Salzgitter liegt bereits zu weit im Westen, und auch die Magdeburger Börde stößt hier an ihr Ende. So schrumpfen die Dörfer und Städte im östlichen Teil des Landkreises Wolfenbüttel spürbar. Schöppenstedt etwa, zu dessen Kommune auch Eilum gehört, verliert in jedem Jahr circa 200 Einwohner.

Mit 15 Ballen Winnigstedter Heus geht es in die Salzwiesen von Warle, und von dort aus wird noch einmal eine Familie in Eitzum mit der Grünen Kiste von AtheneBio versorgt.

Am Samstag um Acht geht es weiter.

Komm ruhig, Daisy. Komm gerne!

WINTER, 7. Januar 2010

Evessen, 8.15h, -12°C, 35 Zentimeter Schnee.

Es dauert eine halbe Stunde, dann erst kann der blaue Passat Kombi wieder fahren. Zwischen Rädern und Karosserie haben sich Burgen wie von selbst erbaut; Türme aus Firn, Streusalz, Granitsteinchen, Dreck.

In Hachum gehen sieben Kartoffelsäcke in den Wagen. Vom Dörfchen bei Evessen aus folgt der Wagen der Straße nach Dettum, um im Ortszentrum auf den Feldweg in Richtung Vilgensee abzubiegen.

Am Torfbruch unweit des Vilgensees weidet die größte von Norberts Schafsherden. Vier bis fünf 25kg-Säcke Kartoffeln fressen die Coburger Füchse und Weissen Hornlosen Heidschnucken. Vor allem die jüngeren Tiere fressen noch lieber Heu.

Laut Norbert brauchen die Tiere die Faserstoffe der getrockneten Gräser und Leguminosen. “Fressen die Schafe im Winter nur Kartoffeln, dann gerät ihre Verdauung durcheinander. Dann kommen hinten grüne Flädchen raus.”

Das Ideal von dem, was bei Schafen hinten raus kommen soll, sind “geröstete Kaffeebohnen”.

Vom Vilgensee aus geht es dann zur zweiten Station, zur Beeke unterhalb von Gilzum.

WINTER, 30. Dezember

Evessen am Abend, Eisregen. Später Schnee.

Verschiedene, regelmäßig auftretende Schneekristalle sind zum Beispiel

Harke

Glatze

Dunst

Obatzter

Gelee

Detroit

Schnick

Butzelmann

Reigen

Coco Chanel

Glöckchen

8-bit

Funzel

Firn

Bresche

Mamm

Semper


Solche Tage sind das.