Hacken

von Christoph Braun

DER RIESIGE PLANET

In der Nacht stand der Mond zwischen Kuppel und Windrad und machte, riesenhaft wie er schien und rund und strahlend hell, auf sich aufmerksam.

Am Morgen fielen im Gegenlicht der Sonne viele federleichte Monde in die Wiese.

Am Boden wuchs der Löwenzahn und ließ Monde reifen, alles zur Feier, zur Totenfeier des Maurice Sendak.

UNTERWEGS IN EILUM

Auf München folgt das erste Heimspiel, “Hacken” live auf dem Lindenhof in Eilum.

In Eilum weht ein moderater Wind, die Blüten fallen von den Apfel- und Kirschbäumen ab und wiegen sich wie Schiffchen, bevor sie weich landen. Die Evessener kommen mit dem Fahrrad, die Lobecker mit dem Auto.

Ursula vom Lindenhof hat Bänke und Stühle mitten in den neuen Hofladen platziert. Die Kühlschränke brummen noch, bei der Lesung bleiben sie still.

Überhaupt hört dieses Publikum sehr konzentriert zu, und auch die improvisierte Reihenfolge mit dem Einstieg über den Lindenhof geht auf.

Am Ende beginnt es allmählich, zu dämmern. Und weit hinter Asse und Harz flackert es.

Das Gelb und Neonblau des Wetterleuchtens rückt in den Abendstunden immer näher. Am nächsten Morgen hat es dann doch wieder nur bis Lucklum geregnet. Die jungen Kohlpflanzen und Zucchini und Hokkaidos im ersten kleinen Beet des Garten 2 brauchen gleich wieder Wasser.

Doch der Bach ist nah und der Wasserläufer da.

ON THE ROAD IN HAIDHAUSEN

München ist rund, nimmt sich wichtig, der FC Bayern hat in genau dieser Woche den Einzug ins Champions League Finale geschafft. Nach München kann man deshalb nicht einfach so fahren. München kündigt sich an.

In der Woche vor den Lesungen beim Hörgang: Haidhausen lud bereits die Zündfunk-Redaktion in ein NDR-Studio, um radiotaugliche Antworten zum Buch “Hacken” zu erhalten. “Übers Telefon klingt’s einfach scheiße.” Und auch die Zugfahrt… die Zugfahrt. An diesem warmen Tag, dem ersten im Jahr, brannten kurz vor Stuttgart gleich die Böschungen, was die Fahrt des ICE 597 um eine Stunde verlängerte. Eine halbe Stunde Verspätung hatte er da bereits gehabt, kurz vor München kam eine weitere halbe hinzu: wegen “Gegenständen auf den Gleisen” kurz vor dem Hauptbahnhof.

Egal, denn München kündigte sich hinter Augsburg mit einem Panorama an, die Alpen komplett überstülpt mit weißer Farbe, im Blickvordergrund leuchtete der Raps in seinem überhellen Kleid aus gelben Punkten. Dazu ein blauer Himmel.

Die Einladung stand, und an der ersten Station wurde sie erneuert. Die Polsterei Irrl bot selbstgebaute Modellschiffe und Sofas und Sessel. Auch wenn zu dieser frühen Stunde, 20h am 30-Grad-Tag, nur ein gutes Dutzend Gäste kam: Sie waren da und hörten zu. Weiter ging es über Pornostars malende Acryl-Künstler in der Pariser Straße und den Jugendtreff Au unten am Auermühlbach hin zum Maxwerk. In maximalrepräsentativer Lage zwischen Isar und Landtag flogen die Hacken-Texte über die Dachterrasse durch das halbe Grollen, halbe Rauschen der Schmelzwasser führenden Isar.

Schade, dass es in Haidhausen zwischen Fluss und Ostbahnhof nachts um halb zwei keine Bar, keine Kneipe mehr gab. Selbst die Hilton Hotel Lounge schloss gerade und wollte nicht mehr ausschenken. Geschenkt.

DAS GROSSE EVESSENER LIEDERBUCH: ON THE LAST DAY OF THE DECADE

Das Große Evessener Liederbuch

-Zwanzigster Eintrag-

On The Last Day Of The Decade

in der Version von Burning Hearts, 2012.

Text und Musik: Jessika Rappo und Henry Ojala, 2012.

For the ones
That didn’t celebrate
The last day
Of the decade

BRENNESSEL

Die Kälte ist am Vergehen, der Morgendunst verfliegt.

Kaum passendere Augenblicke gibt es, die jungen Brennesseln auf der Warler Salzwiese zu pflücken und im Liegen zu verspeisen.

Eh nur kurz dauert die Pause.

Das stoned shepherd kid und Norbert und ein Bekannter vom Artenreich-Verein bauen den Zaun ab.

Die Schafe weiden hier nicht mehr.

Norbert hat sie umgesiedelt, nach Ampleben und Schöppenstedt.

Nun scheint die Sonne auf die alten Queller und die neu erwachten Schilfrohrsänger, und wie ließe sich die Salzwiese besser erkunden, als durch das Herauszerren des Zaunes, der eingewachsen ist in die Erde, gut 300 Meter Maschendraht!

Die nachtblaue Hose wird zerstochen vom Metall.

Zusammengerollt werden die Zaunstücke und zum Anhänger getragen.

Der Wind pfeift so einnehmend wie sonst nur in Filmen.

Zur Feier des Tages: Brennesseltaufe.

Die Ersten brennen schon an den Fingern, an den Sprunggelenken.

FLIEGEN

Der Bien, so war es gestern zu lernen in einer überaus lehrreichen Veranstaltung im Photonum zu Braunschweig, so lautete die Sammelbezeichnung in vergangenen Jahrhunderten für den Bienenstock. Wobei es verwundern muss, dass in einer derart matriarchalischen Organisation der Schwarm einen männlichen Artikel erhält. Der Braunschweiger Bio–­Gärtner und Imker Heiner Schrombsdorff referierte. Der Bien fliegt, die Drohne fliegt, die Arbeitsbiene fliegt. Die Königin fliegt nur zur Hochzeit.

Derweil fliegen die Ascheteilchen hoch und durch die Gegend, wahrend es klackert und knackt. Fehmi und Dorothea und Martin haben im Garten 2 eine Feuerstelle gebaut.

Menschen hingegen tanzen. Das ist ebenso beglückend. Um den Anteil des Fliegens während des Tanzens zu erhöhen, suchte der Schriftsteller neuerdings eine Ballettschule auf.

FOSSILIEN

(in Anlehnung an ein Bild von Evelyn Höhne)

Why fracking at Wolfenbuettel County, why?

ROSA SKIANORAK

Ratzfatz, das geht ratzfatz an solchen Tagen. Neuerkerode hat der Bus soeben passiert, da liegt das Kartoffelfeld heute morgen unter Nebel. Geschätzt sechs Zentimeter Höhe haben die Jungpflanzen bereits erreicht. Sie sind am Erwachen.

Auf der Rückreise sieben, acht Stunden später steigt im Hauptort der Samtgemeinde eine Frau mittleren Alters ein. An manchen Tagen würde man mit Sicherheit behaupten wollen, sie sei in den besten Jahren, was immer das auch bedeuten soll und warum auch immer das eigentlich nur von Männern behauptet wird.

Sie trägt blonde Haare und einen rosa Skianorak minderer Qualität. Ihre Freundin an der Haltestelle bittet den Busfahrer, sie an der Endhaltestelle doch bitte nach draußen zu begleiten.

Die Frau ist stockbesoffen. Erst muss sie noch über ihre Verfassung lachen, lachen, dann sinkt sie müde in den Sitz und entschuldigt sich beim Fahrer, der sowieso die Ruhe bewahrt hat.

“War mein letzter Tag heute.” Der Busfahrer nickt. “Sie ham’n mich doch gestern noch abkassiert beim Schlecker.”

Das Samtgemeindezentrum ist passiert.  Die Sonne strahlt längst volle Kraft herunter auf die Kartoffeln. Sie sind inzwischen locker auf eine Größe von über zehn Zentimeter hoch geschossen. Auf der Asse-Anhöhe drehen sich wieder die Windräder.

STH. COMPLETELY DIFFERENT

Hacken. Leben auf dem Land in der digitalen Gegenwart

Hacken. Leben auf dem Land in der digitalen Gegenwart

MONTAGE

Unten an den Forellenteichen und am Ausflugslokal alle Farben von Beige.

Ganz rar ragt es einmal, zweimal grün, fast neongrün heraus. Dann riecht es gleich gestochen scharf hier oben auf der Krimmelburg im Reitlingstal. Es ist der junge Bärlauch.

Oben ist es laut. Der Specht hämmert, und auf den Feldern im Westen von Hachum lässt sich später eine ganze V-Formation von Kranichen nieder.

Diese Vögel sind so groß.