Evessen, 7.10h, 5,8°C.
Almauftrieb. Vom Vilgensee bei Dettum werden die Schafe wieder in die Salzwiesen von Barnstorff gekarrt. Der Heeseberg erhebt sich dort aus den Niederungen des Großen Bruchs. Der Wein, die Linden, die Apfelbäume, alles blüht ineinander. Der Löwenzahn wuchert. Gelb wie Verpackungen von Sonnensprays sind die Blüten noch in der Mehrzahl gegenüber den reifen Früchten, den Kugeln aus Fallschirmen, die bereits das Bild der Landschaft weich zeichnen.
Vom Wochenende, aus dem denkbar weit entfernten Braunschweig her, hallt noch diese Extremsituation nach. Mehrsicht, eine Gruppe um Christian Weiß und Peter M. Glantz, hatte für die mehrteilige szenische Installation “Die Räume werden wieder sicher!” eine Industriehalle derart präpariert, dass kein Licht mehr in die Innenräume drängen konnte. Thema ist die Monitorüberwachung öffentlicher Räume. Durch die Lichtschleuse am Einlass muss jeder einzeln passieren. Diesem Moment der Individuation folgt jedoch eine existentielle Erfahrung.
Der absoluten Dunkelheit lässt sich mit spontanen Allianzen begegnen.
Denn weniger als den tastenden Armen und trippelnden Beinen ist nun der Stimme zu trauen. Der eigenen, um ganz und gar Fledermaus zu werden; den Stimmen der Anderen, um sich Gewissheit zu verschaffen, nicht alleine zu sein.
Hallo Ariane, hi Marieta. Ariane erzählt ein bisschen. Marieta fühlt sich nicht ganz wohl, sie hat lieber ein Gesicht vor sich, um sich eine Vorstellung zu machen von einem Fremden. Petar möchte für sich bleiben.
Eine Nachtsichtkamera hat alles gefilmt; die Solo-Gänger, zwei durch den Raum tanzende Frauen, Cluster-Bildungen. Neben der Leinwand tanzt Verena Wilhelm sehr pointiert. Interpretiert das ganze Geschehen als Beklemmungen auslösend, wobei die Kostümidee mit der Gasmaske wohl eher ein bisschen over the top gerät.
Denn gerade “Die Räume werden wieder sicher!” zeigt ja mit seiner Laborsituation, dass es keinen Grund für Wahnvorstellungen gibt. Dass Nicht-Wahn sogar produktiv wirken kann. Joy to the world!