Hacken

von Christoph Braun

FRUEHLING, 7. Juni 2010

Evessen, 6.28h, 13°C.

Der Garten, endlich wieder im Garten. Die Kürbisse unterhalb der Gewächshäuser brauchen nun Zuneigung. Norbert hatte den Boden eben erst fein durchgearbeitet, als der Regen kam.

Groß und mächtig. Mit einer Wucht, die einige Jungpflanzen erdrückte. Mit einem Schlag war der Boden wieder verdichtet.

Da allerdings nur die obere Erdkruste von den Verwüstungen betroffen ist, gilt es, die Kürbisse zu mulchen. Das Heu schützt den Boden vor der Sonne und hält die Feuchtigkeit unter Grund. Regenwürmer und Mikroorganismen fühlen sich so länger wohl in der Erde.

Mit der Schubkarre muss das Heu herbeigefahren werden. Der Weg führt in fünf Metern Entfernung an den beiden Bienenstöcken vorbei und kreuzt direkt die Einflugschneise.

Eine Biene verheddert sich im Kopftuch, eine zweite im Haar.

Der Stich trifft genau die Mitte zwischen Ohrläppchen und Muttermal. Dort, wo alles Knorpel ist.

Ein schwarzer Punkt, der immer bleiben wird. Tattoo der Bienengöttin!

FRUEHLING, 4. Juni 2010

Evessen, 6.54h, 13°C.

Stickstoff und Wasserstoff verbinden sich zu Ammoniak. Dieser Gestank sticht.

Die Seinstedter Weide hätte endlich fertig hergerichtet werden sollen. Dann aber befahlen höhere Wesen: Hühnerstall ausmisten. Norbert hält Sperber. Mit den Eiern der äußerst seltenen Rasse versorgt er sich selbst und bietet sie in seiner Grünen Kiste an. An Ostern waren die Küken geschlüpft und bei Norberts Nachbarn in einem Gartenhäuschen untergekommen.

Samstag indes erwarten Norberts Nachbarn ihre eigenen Hühner.

Am ersten Tag voller Sonne bedeutete das: Raus aus der guten Luft, rein in den Gestank. Mit der Mistgabel immer schön hinein in die Körnerreste und Exkremente. Beim Hieven in die Schubkarre entfaltet sich erst das ganze Bouquet.

Hinterher gilt es, einen Platz für den Hühnermist zu suchen. Im Garten von AtheneBio landet so etwas nicht. AtheneBio bearbeiten einen veganen Garten.

Die Belohnung folgt nach einer guten Stunde.

FRUEHLING, 2. Juni 2010

“Wir hatten  ja keine Waffen. Kaum Waffen. Sicher, Pistolen. Auch Maschinengewehre. Und Handgranaten auch. Das war doch nichts. Wenn etwas passiert wäre, sie hätten uns hier sofort rausgenommen.”

Sim lässt seinen Blick in Richtung Osten schweifen. Hier die Anhöhe über Seinstedt, wo Norberts Schafe demnächst weiden. Drüben liegt der Große Fallenstein, und drüben war DDR. Sim wollte in den frühen 1970er Jahren unbedingt zum Bundesgrenzschutz. Deshalb ging er nicht zum Bund. Wehrdienst verweigern wollte Sim sowieso nicht.

Also wurde er “Kombattant”.

Die Kombattanten gehörten nicht zur Bundeswehr. Es gab nach Verhandlungen zwischen Warschauer Pakt und Nato ein Abkommen, wonach die deutsch-deutsche Grenze auf westlicher Seite von zivilen Kräften bewacht werden sollte. Sim war in Braunschweig stationiert. Hier, im Vorharzland, lief er Patrouille.

Ausgerüstet mit einem Feldstecher blieb ihm viel Zeit, die Vögel zu beobachten. Sehr viel Zeit: Sobald irgend ein Trillern zu hören ist, informiert Sim über die Art. Meist weiß er darüberhinaus zu erzählen, ob ein Männchen oder Weibchen am Kommunizieren ist und ob es Warnschreie ausstößt oder zum Paaren locken möchte.

Direkt nach seiner Zeit als Kombattant ging er zum BGS. Mehr als zwei Wochen blieb er nicht: “Beim Bundesgrenzschutz bin ich politisiert worden.”

FRUEHLING, 28. Mai 2010

Evessen, 6.54h, 9°C.

Das Ächzen der Körper. Norberts Füchse und Hornlose sollen eine neue Fläche beweiden. Lassen Sie mich durch, bitte, ich bin ein Umweltschaf!

Zunächst gilt es, die Fläche in Seinstedt für die Tiere herzurichten. Die alten, verwitterten, kaputten Obstbaumgitter hat Norbert bereits entsorgt. Ein Eimer voller Ösen und Haken steht am Eingang zum AtheneBio-Garten wie eine Trophäe.

Nun muss eine Rolle Drahtzaun zurecht geschnitten werden. Eine Blech-Zange kappt sich durch. Doch bereitet es Mühe, Draht für Draht auf der Breite von 1m zu knippsen, bei einer Masche von 2,5 cm, einem Schneidesollwert von 80cm und einer Zaunrolle im Umfang von 25m. Bedeutet es doch zwei Stunden Sich-Bücken.

O süßer Körperschmerz! Zumal es hinterher noch für eine Stunde zum Holzmachen geht, hinauf in den Buchenwald am Eilumer Horn.

In die Kühle des Abends weht der Roggen mit seinen rötlichen Fransen. Lieblich umspielen sie den Ährenstand. Norbert schwärmt von der neuen Weide in Seinstedt, Südhang, immense Fläche. Da kommt sie, die Vorfreude.

FRUEHLING, 26. Mai 2010

Evessen, 18.56h, 21°C.

Knöpfchen und Martha heißen die beiden Ziegen. Wolfgang und Britta gehen täglich mit ihnen spazieren. Es könnte eine Herde daraus werden. Der Bauer und die Gärtnerin, eben im Begriff, vom Lindenhof weg zu gehen, wissen es noch nicht genau.

Mit Knöpfchen und Martha zu spazieren bedeutet, eine Herde zu bilden. Es erfordert Vorsicht. Sie wissen, wo auf dem Hof die Jungpflanzen angezüchtet werden. Jungpflanzen schmecken frisch. Knöpfchen und besonders Martha laufen vor und stellen sich in den Weg, wenn es zu schnell geht. Denn sie wollen fressen, das Grün am Wegesrand.

Die Sonne strahlt über die gelben Weiten. Der Raps in voller Montur. Schnell ist man selbst eine Ziege in der Herde.

FRUEHLING, 21. Mai 2010

Evessen, 7.03h, 12°C.

Ein Brocken, dieser Aufsatz des Wissenschafts-Wissenschaftlers Bruno Latour, erschienen im Februar im Online-Magazin Telepolis: “Ein Versuch, das ‘Kompositionistische Manifest’ zu schreiben”. Den Text langsam und genau zu lesen, ist Grundbedingung. Damit die Luft vor Klarheit erzittere! Denn Latour unterscheidet darin nicht nur zwischen “Fortschritt” und “fortschrittlich”, sondern er verwirft umstandslos die Trennung zwischen “Natur” und “Kultur”. Latours Aufsatz wirkt seit Februar nach. Über die Grundunterscheidung hinaus zu denken, fällt unendlich schwer, gehört sie doch zu den Grundmustern gegenwärtigen Denkens, so üblich wie die Welteinteilung in die “Mann”-und “Frau”-Geschlechter. Als Theorem wird die Hinfälligkeit der “Natur”-versus-”Kultur”-Unterscheidung von nun an in “Hacken” angenommen und ausprobiert.

Soviel zur Begründung Latours:

Natur ist kein Ding, keine Domäne, kein Reich, kein ontologisches Territorium. Sie ist (oder war während der Modernen Parenthese) eine Art, die Trennung (was Whitehead als Gabelung bezeichnete) zwischen Schein und Realität zu organisieren, zwischen Subjektivität und Objektivität, Geschichte und Unveränderbarkeit. Ein völlig transzendentes, ein völlig historisches Konstrukt, ein zutiefst religiöser Weg (aber nicht im religiösen Sinn), den Potentialsunterschied zu erschaffen zwischen dem, dem menschliche Seelen verbunden waren, und dem, was wirklich da war. Und zudem, wie ich an anderer Stelle gezeigt habe, ein völlig politischer Weg, Macht in dem zu verteilen, was ich die Modernistische Konstitution genannt habe, eine Art ungeschriebener Pakt zwischen dem, worüber man diskutieren konnte und worüber nicht.

Es ist überhaupt nicht auszumachen, wohin ein Denken jenseits dieser Unterscheidung hinführen könnte. Latours Argumentation indes spricht für sich.

FRUEHLING, 20. Mai 2010

Evessen, 6.27h, 9°C.

Diese Zeit hat keinen Namen. Sie ist eben unbestimmbar, die Passage in den Sommer. Das Federkleid der jungen Gänse auf dem Berkelmann-Hof ist schon nicht mehr gelb; doch auch noch nicht weiß. Einige Kirschen am Amplebener Weg bilden Früchte aus, während frische Büschel voller Blüten am selben Zweig nach dem Wind gehen und wehen.

Die Turmfalken fliegen bereits, doch eine unerwartete Böe erwischt sie noch böse. Sie werden weggetragen wie die Mülltüte in Steven Soderberghs Sex, Lügen und Video. Dann strampeln sie  und wirken erst wieder erleichtert, wenn sie ihr Turmfenster in der Evessener Kirche wiedergefunden haben.

Erfinden müsste man ein paar Riten für diese Übergangszeit. Oder haben all die christlichen Feiertage zur Zeit etwas damit zu tun?

FRUEHLING, 10. Mai 2010

Evessen, 7.10h, 5,8°C.

Almauftrieb. Vom Vilgensee bei Dettum werden die Schafe wieder in die Salzwiesen von Barnstorff gekarrt. Der Heeseberg erhebt sich dort aus den Niederungen des Großen Bruchs. Der Wein, die Linden, die Apfelbäume, alles blüht ineinander. Der Löwenzahn wuchert. Gelb wie Verpackungen von Sonnensprays  sind die Blüten noch in der Mehrzahl gegenüber den reifen Früchten, den Kugeln aus Fallschirmen, die bereits das Bild der Landschaft weich zeichnen.

Vom Wochenende, aus dem denkbar weit entfernten Braunschweig her, hallt noch diese Extremsituation nach. Mehrsicht, eine Gruppe um Christian Weiß und Peter M. Glantz, hatte für die mehrteilige szenische Installation “Die Räume werden wieder sicher!” eine Industriehalle derart präpariert, dass kein Licht mehr in die Innenräume drängen konnte. Thema ist die Monitorüberwachung öffentlicher Räume. Durch die Lichtschleuse am Einlass muss jeder einzeln passieren. Diesem Moment der Individuation folgt jedoch eine existentielle Erfahrung.

Der absoluten Dunkelheit lässt sich mit spontanen Allianzen begegnen.

Denn weniger als den tastenden Armen und trippelnden Beinen ist nun der Stimme zu trauen. Der eigenen, um ganz und gar Fledermaus zu werden; den Stimmen der Anderen, um sich Gewissheit zu verschaffen, nicht alleine zu sein.

Hallo Ariane, hi Marieta. Ariane erzählt ein bisschen. Marieta fühlt sich nicht ganz wohl, sie hat lieber ein Gesicht vor sich, um sich eine Vorstellung zu machen von einem Fremden. Petar möchte für sich bleiben.

Eine Nachtsichtkamera hat alles gefilmt; die Solo-Gänger, zwei durch den Raum tanzende Frauen, Cluster-Bildungen. Neben der Leinwand tanzt Verena Wilhelm sehr pointiert. Interpretiert das ganze Geschehen als Beklemmungen auslösend, wobei die Kostümidee mit der Gasmaske wohl eher ein bisschen over the top gerät.

Denn gerade “Die Räume werden wieder sicher!” zeigt ja mit seiner Laborsituation, dass es keinen Grund für Wahnvorstellungen gibt. Dass Nicht-Wahn sogar produktiv wirken kann. Joy to the world!

FRÜHLING, 5. Mai 2010

Evessen, 00.12h, -0.8°C.

Die Eisheiligen werfen ihre Schatten voraus, der Winter wirft nochmal Eis. Es kommt direkt aus dem Januar. Fahrradfahren bringt noch einmal klamme Finger.

Der Regen hat alle nur erdenkbaren Nuancen der Farbe Grün ins Land gestreut. Weißes Grün an den Birnenbäumen, das ins Neon spielende Grün des Bärlauch, der im Reitlingstal wuchert. Rapsgrün, ähnlich ungesättigt wie das Gelb der Blüten.

Die Kartoffeln sind gepflanzt. Ein letztes Mal muss auch an den Tagen die Abdeckfolie über den Erdbeeren liegen bleiben. Das Freiland wartet auf das endgültige Go.

Und wartet.

Heute noch einmal der Weg nach Wolfsburg, um eine wichtige Frage zu klären: Bridget’s Bardo - Mister Turrell, wie haben Sie das gemacht?

FRÜHLING, 23. April 2010

Evessen, 7.03h, 1°C.

Noch etwa eine Woche stehen Norberts Schafe am Vilgensee. Die Herde wird aufgeteilt und teils nach Schöppenstedt geschickt, teils zurück nach Ampleben.

Etwa eine Woche noch, dann steht das Gras so hoch, dass es den Rindern vom Lindenhof ausreicht. Seit Montag füttert Markus die Tiere an. Sie müssen sich umstellen. Im Winter haben sie das trockene Stroh aus der Dettumer Scheune gefressen. Nun wird frisch geschnittenes Heu untergemischt, damit sich der Pansen und die drei verschiedenen Mägen wieder an Saftiges gewöhnen können.

Vier Kälbchen sind innerhalb weniger Tage zur Welt gekommen. Es geht ihnen gut in ihrem rehbraunen Fell. Bald dürfen auch sie raus.

Bierflaschenhoch muss das Gras stehen, dann können sie sich davon ernähren.