Hacken

von Christoph Braun

WINTER, 13. Januar 2010

Mit dem Traktor zu den Schafen.

Ein scharfer Sturm bläst aus Ost-Nordost.

Der alte Allrad-Trecker aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist nach allen Seiten offen. Das erfordert Sonderbekleidung.

1 Paar Strümpfe, 1 Paar Wollsocken, wasserundurchlässige Wanderschuhe.

1 Unterhose, 1 Thermounterhose, lang, 1 Jeanshose.

1 Thermounterhemd, lang, 1 T-Shirt, 1 atmungsaktives Laufhemd, 1 Fleece-Laufhemd, 1 Pullover aus Lammwolle, 1 Jacke aus Lammwolle.

1 Arbeitsoverall, grün.

1 Pullover aus Lammswolle, besonders dick.

2 Halstücher, 1 Schal.

1 Halstuch auf dem Kopf, 1 Mütze.

1 Paar Laufhandschuhe, dünn. 1 Paar Arbeitshandschuhe, gefüttert.

Einmal vom Berkelmann-Hof in Hachum zur großen Herde am Vilgensee und zurück: 2 Stunden. Die übliche Zeit: 20 Minuten.

Norbert hustet, fröstelt und redet mit heiserer Stimme. Den Schafen geht es gut.

WINTER, 11. Januar 2010

Das Große Evessener Liederbuch

-Fünfter Eintrag-

Albatross

in der Version der Besnard Lakes, 2009.

Text: Olga Goreas, 2009. Musik: Olga Goreas und Jace Lasek, 2009.

There goes my baby

There goes my baby

There goes my man

There goes my man

WINTER, 9. Januar 2010

Schnee, Schnee, Schnee.

Windböen indes halten Norberts weißen Mercedes Kombi auf der Rückfahrt vom Vilgensee nach Eilum auf halber Strecke gefangen.

Aus den Schneewehen, die einer nach fuzzy logic arrangierten Ordnung folgen, hilft nur die Flucht mit Pick-Up-Cruising auf Skandinavisch: Im eisharten Winter die Kofferraum-Klappe öffnen, die Plätze über den beiden Hinterrädern mit Menschengewichten beschweren, und dann Gas geben.

Es geht noch einmal gut.

Sonntag wird es nur noch mit dem Traktor möglich sein, zu den Schafen zu gelangen.

WINTER, 8. Januar 2010

Evessen, 7.45h, -7°C.  Es ist der Tag vor Daisy, und alles steht im Zeichen Daisys.

Seit Tagen schon ist das Schneetief prognostiziert. Die Vorhersage für den Landkreis Wolfenbüttel prognostiziert ergiebige Niederschläge für Samstagmorgen, den 9. Januar.

Die Jungböcke sind bereits seit Donnerstag von ihrer Weide oberhalb Amplebens in einen Stall auf dem Berkelmann-Hof in Hachum evakuiert. Sechs Stunden lang dreht sich alles heute wegen des bevorstehenden Schnees nur um die Schafe. Üblicherweise dauert es etwa zwei Stunden, die gesamte Schafstour zu fahren.

Am Morgen werden die Schafe mit Kartoffeln versorgt. Später gilt es,  die fünf jüngsten Tiere von einer Streuobstwiese oberhalb Eilums in das Gewächshaus von AtheneBio zu transportieren. Als Schneeflocke erkrankt war, ließ sie sich problemlos tragen. Doch zwei der Jungtiere wiegen erheblich schwerer in den Menschenarmen. Dass Regionen in Rücken und Rumpf nach einem Hacken-Tag schmerzen, das gehört mit dazu. Doch heute verkantet sich sogar der Bizeps.

Zumal auch noch für Heu gesorgt werden muss. Die Tiere in Warle könnten am Wochenende vorübergehend nicht erreichbar sein. Schon jetzt fällt es schwer, den zugeschneiten Feldweg mit einem Kombi zu erreichen. Ein nebenberuflicher Bauer in Winnigstedt, sein Brot verdient er als Angestellter der Telekom, verkauft die Ballen.

Das 800-Einwohner-Dorf Winnigstedt östlich von Schöppenstedt verfügt über einen Blumenladen, einen Kiosk, einen Edeka-Markt und sogar über eine Filiale der Deutschen Post. Ungewöhnlich viele Geschäfte für einen Ort dieser Größe in der Region.

Norbert erzählt, dass Winnigstedt nach der Wiedervereinigung für einen Moment aufblühte. Der Ort grenzt direkt an Sachsen-Anhalt. Um in den Genuss von Westgehältern zu kommen, zogen die Leute hierher. Längst aber hat sich erwiesen, dass so etwa ab Schöppenstedt bereits die strukturschwachen Gebiete beginnen; selbst zu BRD-Zeiten wurden der Wirtschaft so genannte “Zonenrand-Fördergelder” gezahlt.

Die Industrie-Achse Wolfsburg - Braunschweig - Salzgitter liegt bereits zu weit im Westen, und auch die Magdeburger Börde stößt hier an ihr Ende. So schrumpfen die Dörfer und Städte im östlichen Teil des Landkreises Wolfenbüttel spürbar. Schöppenstedt etwa, zu dessen Kommune auch Eilum gehört, verliert in jedem Jahr circa 200 Einwohner.

Mit 15 Ballen Winnigstedter Heus geht es in die Salzwiesen von Warle, und von dort aus wird noch einmal eine Familie in Eitzum mit der Grünen Kiste von AtheneBio versorgt.

Am Samstag um Acht geht es weiter.

Komm ruhig, Daisy. Komm gerne!

WINTER, 7. Januar 2010

Evessen, 8.15h, -12°C, 35 Zentimeter Schnee.

Es dauert eine halbe Stunde, dann erst kann der blaue Passat Kombi wieder fahren. Zwischen Rädern und Karosserie haben sich Burgen wie von selbst erbaut; Türme aus Firn, Streusalz, Granitsteinchen, Dreck.

In Hachum gehen sieben Kartoffelsäcke in den Wagen. Vom Dörfchen bei Evessen aus folgt der Wagen der Straße nach Dettum, um im Ortszentrum auf den Feldweg in Richtung Vilgensee abzubiegen.

Am Torfbruch unweit des Vilgensees weidet die größte von Norberts Schafsherden. Vier bis fünf 25kg-Säcke Kartoffeln fressen die Coburger Füchse und Weissen Hornlosen Heidschnucken. Vor allem die jüngeren Tiere fressen noch lieber Heu.

Laut Norbert brauchen die Tiere die Faserstoffe der getrockneten Gräser und Leguminosen. “Fressen die Schafe im Winter nur Kartoffeln, dann gerät ihre Verdauung durcheinander. Dann kommen hinten grüne Flädchen raus.”

Das Ideal von dem, was bei Schafen hinten raus kommen soll, sind “geröstete Kaffeebohnen”.

Vom Vilgensee aus geht es dann zur zweiten Station, zur Beeke unterhalb von Gilzum.

WINTER, 30. Dezember

Evessen am Abend, Eisregen. Später Schnee.

Verschiedene, regelmäßig auftretende Schneekristalle sind zum Beispiel

Harke

Glatze

Dunst

Obatzter

Gelee

Detroit

Schnick

Butzelmann

Reigen

Coco Chanel

Glöckchen

8-bit

Funzel

Firn

Bresche

Mamm

Semper


Solche Tage sind das.

WINTER, 28. Dezember 2009

Der Hall auf Michael Rothers Gitarre erinnert an das Mähen der Schafe. Soweit ist es schon gekommen. Drin. Im System Schafe hüten.

“Sometimes In Autumn” heißt das Stück, ein 15-minütiger Ballon, statisch und doch leichter als Luft. Es ist in diesem Jahr veröffentlicht worden, im Zuge des großen “Eno plus”-Revivals: Sämtliche, oder zumindest zahlreiche Aufnahmen aus der Zeit von Brian  Enos Aufenthalt in Forst im Weserbergland sind nun wieder zu haben. “Harmonia & Eno ‘76″, “Cluster & Eno”, “After The Heat” von Eno Moebius Roedelius. Goldschatz.

Wie Harmonia-Gitarrist Michael Rother vor zwei Jahren auf dem Hof in Forst erzählte, hatte Eno bereits 1974 mit Harmonia in Hamburg mitgespielt. Er war Fan. So rief er zwei Jahre später an. Obwohl die in Forst lebenden Hans-Joachim Roedelius, Dieter Moebius und Michael Rother mittlerweile zumindest künstlerisch zerstritten waren und ihre gemeinsame Kollaboration namens Harmonia schon aufgegeben hatten, luden die drei Brian Eno zu gemeinsamen Aufnahmen ein. Zu dieser Zeit arbeitete Eno bereits an jener Synthesizer-Musik, die als Umwelt rezipitiert werden sollte und der Eno später selbst den bis heute gültigen Begriff “Ambient” verpassen sollte.

Respekt und Elan zieren diese Aufnahmen, unter denen “Harmonia & Eno ‘76″ aus zwei Gründen herausragt: Die Tracks schöpfen ihren Reichtum aus dem Spielen der konzeptuellen Strenge mit der enormen Durchlässigkeit der dahinfließenden Sounds. Und sie wirken am stärksten editiert, keine Ausrutscher hin zum Wabern oder zu sonstigem Kitsch sind zu hören.

Wer einmal den Hof in Forst besucht hat, der weiß: Energie ist hie. Hof, Wiese, Weser, Hügel, das ist alles, und wer davon unberührt bleiben kann, macht bestimmt nicht diese Musik. Der Zen-Meister sagt ja auch, als ihn die Sandwich-Verkäuferin nach dem Belag fragt: “Eines mit Allem.”

Das kranke Schäfchen, von Mascha auf den Namen “Schneeflocke” getauft, ist wieder gesund. Es ist heute volle Kanne zurück zur Herde gerannt.

WINTER, 27. Dezember 2009

JFK.

Oliver Stone drehte 1991 den gleichnamigen Film, und es war klar: Ein an Biografien interessierter Regisseur meint damit den einen, den echten, und damit die Lebensgeschichte des John F. Kennedy.

René Pollesch hingegen kümmert sich lieber um die Verhältnisse, in denen “Leben” passiert. -Leben im Sinne der Arten und Weisen, wie das Politische, das Soziale, das Begehren die alltäglich handelnden Personen beeinflusst. Folglich handelt es sich beim JFK von René Pollesch um ein ganz anderes Kürzel: J und F und K bedeuten die Anfangsbuchstaben der Spielenden. J steht für Judith Hoffmann, F für Felix Knopp, K für Katrin Wichmann. Im Mai diesen Jahres uraufgeführt in Hamburg am Thalia Theater, erlebte das von Pollesch selbst geschriebene Stück am 19. Dezember seine Berlin-Premiere am Deutschen Theater.

Es beginnt mit einem gut zwanzigminütigen Rap von Felix Knopp, der per Videoeinspielung zu sehen ist, wie er sich hinter der Bühne ziert. “Ogott, ich hab’ mein Stichwort verpasst” rappt er im Modus eines Kuschel-MCs ins Mikrofon. Ein hölzerner Beat hackt dazu. Auch auf der Bühne, einem Schlafzimmer mit Mickey Mouse-Tapete und Trotzki-Porträt, läuft eine Boulevard-Komödie mit Ausflügen in die Seifenoper und den Slapstick.

J und F und K variieren die Szene, in der sich ein Mann mit der Geliebten im Bett vergnügt, die Frau nach Hause kommt, und die Geliebte im Schrank verschwindet. Dieser gespielte Witz bildet den Aufhänger für das Geschehen hinter der Bühne.

Dort wird China diskutiert und das Verhalten der Nachbarn. Gestritten wird über die Liebe, die bei Pollesch immer als Schlüssel zum Inhalt funktioniert: Für Pollesch ist Liebe ein totales Fantasma, entschlackt von jeglicher Alltagsvorstellungsromantik. Deswegen ist sie auch so gestaltbar und so schwer vorherzusagen wie die Flugbahn eines Flummis.

Eine gute Unendlichkeit vielleicht, der eine “schlechte Unendlichkeit”, wie es im Stück heisst, entgegengesetzt wird:

Das genaue Datum wollte ich jetzt nicht googeln, denn das bedeutet eine schlechte Unendlichkeit.

Rasend.

René Pollesch: JFK. mit Judith Hofmann, Felix Knopp und Katrin Wichmann. Nächste Vorstellungen im Deutschen Theater Berlin am 2. und 10. Januar 2010, je 21h

WINTER, 25. Dezember 2009

Kurz waren die Tage geworden, vom Eise befreite sich die Gegend. Der Föhn blies, walzte sich die Hänge runter, den Brocken und den Bocksberg, zerschmolz das Eis rund um Altenau und Ilsenburg und Goslar, um sich mit Wucht und Verve durch die Asse zu pfeifen. Um am Vilgensee für Badetemperaturen zu sorgen.

Weihnachten.

Die Schafe auf der Dettumer Weide hatten das Heu aufgefressen; zwei Ballen mussten her, die Rampe hochgedrückt in Norberts Anhänger, rübergefahren die paar Kilometer von der Scheune bei Weferlingen, und zur Wiese gerollt: eine Schlammschlacht. Bröckelig war das Gefüge aus Schneekristallen und Matsch längst geworden, und manche Passagen wurden vom Eis selbst nur noch durch den Glauben daran festgehalten, dass ein anderer Aggregatzustand nicht möglich ist. Wasser nicht als Wasser, Wasser als flüssiges Eis.

Heilig Abend war schön gewesen. Der Schäfer spürte es durch Flashbacks. Bilder, Kinder, Weisswein aus Barrique-Lagerung, noch bessere, geheiligte Stoffe.

Heilig Abend war schön gewesen, und so fehlte es heute an Kraft, die sieben, acht 25 Kg-Säcke voller Kartoffeln über die Weiden zu schleppen.

Immer wieder dieses Klatschen von Schneeschlamm auf die Seiten des Transporters.

HERBST, 18. Dezember 2009

Evessen am Elm, Sechs Grad minus, Schneetreiben.

Der dritte Tag mit neuem Auftrag von AtheneBio. Wegen einer Operation darf Norbert eine zeitlang nichts heben. Also braucht er jemanden, der sich um die Schafe kümmert.

Einen stoned shepherd, happy Hüter, schönheitsliebenden Schäfer. Es ist kalt und es schneit, doch der gute Hirte ist für euch da! Fünf Weiden in einem Umkreis von rund 20km abzufahren, da geht eine Runde kaum unter 60 Kilometern und zwei Stunden ab.

Station eins allerdings ist kein Weideplatz, sondern der Berkelmann-Hof in Hachum. Hier, beim größten Kartoffelbauern der Gegend, holt der Schäfer die Futterkartoffeln ab. Bis zu den ersten Frösten finden die Schafe genügend Nährstoffe im wildwachsenden Gras, danach muss zugefüttert werden, damit alle gesund und munter durch den Winter kommen.

AtheneBio erhält die Futter-Kartoffeln vom Eilumer Lindenhof, der bei Berkelmann die Kartoffeln lagert, da man sich auch die Kartoffelsortieranlage teilt. Sieben, acht 25kg-Säcke lädt The Sassy Shepherd Kid in den blauen Passat-Kombi der Nachbarin.

Los, zu den Coburger Füchsen und den Weißen Hornlosen Heidschnucken.