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Bass
-Mai 2011-
Horch, da tupft und tippelt es wieder.
Seinem Can-Mitmusiker Holger Czukay wird das schöne Zitat zugeschrieben, Jaki Liebezeit spiele “wie eine Maschine, nur besser.” Dazu gilt es zu sagen: Zur Zeit ist dieses Spielen in unterschiedlichen Kontexten zu hören. So hat der 72-jährige Schlagzeuger aus Köln in den zurückliegenden Wochen gleich drei verschiedene Studioproduktionen mit unterschiedlichen Ensembles veröffentlicht. Und da er nicht nur wie eine Maschine spielt, sondern sein Spielen auch in den Jahrzehnten nach Can immer charakteristischer, weil feinmaschiger geworden ist, konzentriert sich Bass im Mai ganz auf die Liebezeit-Aufnahmen.
B.I.L.L. etwa benennen sich nach den Anfangsbuchstaben ihrer illustren Nachnamen. An der Seite von Liebezeit praktizieren Robert Lippok an den elektronischen Loops, Hans-Joachim Irmler an den Keyboards und der Flötist mit Schwerpunkt arabische und asiatische Instrumente Clive Bell hier Autoren-Elektronika. Das will etwas heißen, ist das Label Electronica ja bereits den konzeptuelleren Entwürfen elektronischer Pop-Musik vorbehalten. Hier schwirren sie umeinander, WahWah-Gitarren, Flöten-Tremoli, Texturen aus Rauschen und Dröhnen. B.I.L.L. spielen am Rande der Auflösung von Ordnungen. Das Kreiseln von Liebezeits Schlagzeug-Mustern hält diese Tracks beieinander. Expressiver als auf B.I.L.L. (Klangbad) ist die Beat-Forschung des mad professors Dr. Liebezeitstein nicht zu haben.
Wobei, auch Jens-Uwe Beyer überzieht dieses Drumming mit aufgeflexten, sonoren Oberflächen. Und zwar, wenn er auf seinem eigenen Label Magazine eine Produktion veröffentlicht, die sein Zusammentreffen mit dem Schlagzeugquartett Drums Off Chaos dokumentiert. Drums Off Chaos & Jens-Uwe Beyer konfrontiert das Trommeln der Drums Off Chaos, die es bereits seit 1984 gibt, mit Drones, nein, mit überlauten Drones. Bizzarr, delirant und gewaltig wie eine Sternennacht.
Das letztgenannte Attribut würde kaum passen auf die Secret Rhythms 4: Jaki Liebezeit kehrte in den vergangenen Jahren immer wieder zusammen mit Burnt Friedman ins Studio ein. Man begab sich auf die Suche nach den geheimen Rhythmen, die, so sagte es der Schlagzeuger gegenüber dem Kollegen Ralf Krämer vor zweieinhalb Jahren, eigentlich gar nicht geheim sind: “Wenn überhaupt, sind die Rhythmen, die wir benutzen, ein offenes Geheimnis. Nur für den Normalhörer, der den 4/4-Takt gewohnt ist, sind das geheime Rhythmen, die er nicht so leicht kapiert.” Doch neue Wege durch eine Siebener-Zählzeit zu suchen ist nur ein Element der verrückten Wissenschaftler Liebezeit und Friedman. Das endlose Kreiseln hat mit den Jahren auch durch den reduzierten Aufbau des Instruments an Tiefenschärfe gewonnen. Und an Wiedererkennbarkeit: Auf die fußbetriebene Basstrommel verzichtet der asketisch wirkende Liebezeit ebenso wie auf die HiHat und damit gleich auf zwei Standards des Pop. An der Studiokonsole gibt Friedman nur das Nötigste hinzu.
Das Ergebnis ist ein Springen über Bach und Stein im Zustand leiser Defokussiertheit. Liebezeit spielt heute nicht nur noch besser, er spielt auch noch maschineller. In zunehmendem Maße hat er seinen Mustern das Subjekt ausgetrieben. Seiner Musik verpasst Jaki Liebezeit gerade dadurch ein unvorstellbares Quantum an Soul.