Hacken

von Christoph Braun

FRUEHLING, 8. Juni 2011

Evessen, 6.26h, 16°C.

Auf dem Tumulus ein Dröhnen, lauter als die Kraftfahrzeugkolonnen, die das Wahrzeichen des Dorfes passieren. Mit 73km/h durch die Ortsmitte, an der Kirche wieder treten, unten vor der Todeskurve scharf bremsen und dann den Eilumer Hügel rauf mit 150 Sachen. HE-XE 358, BÖ-SE 666; sie müssen in den Harz, müssen in die Börde, rooääaaannnggg.

Die Tumulus-Linde bildet mit ihren Blättern einen Kegel aus. In seinem Inneren, unter dem Blattwerk also, schlecken jetzt die Hummeln, Bienen und Wespen an den Blüten. Ihr Sound verstärkt sich extrem unter diesen Bedingungen. Vom ganzen Menschen-Speed ist nichts zu hören.

Schon haben sich die ersten Früchte ausgebildet. Oh, das Buch muss werden!

FRUEHLING, 4. Juni 2011

Evessen, 08.48h, 15°C.

Bass

-Juni 2011-

Ja. Juni 2011.

Für die Bass-Musik ist dies ein Monat von Weltrang! Deshalb kurze Sätze heute.

Anti-G “Presents Kentje’sz Beats” (Planet Mu) klingt wie ein aus Gasmasken und Sirenen gekelterter Champagner.

“Beat For” (Numbers) ist der erste Solo-Track von Jamie XX, dem Coolen mit der Tolle von The XX. Bubbelt.

Tony Tempas “Quixotic EP” (Somethinksounds) schattiert des Basses Wunderhorn mit einem hellen Grün hinter den Ohren. Sommerlich.

Emptyset veröffentlichen nun die Remixe ihrer kellerharten Düsternis-EP “Altogether Lost” auf CLR, dem Label Chris Liebings. Rippertons Neubearbeitung vor allem lässt sich treiben.

Noch mehr Weltrang als all diese Tracks von Weltrang darf in diesem Monat indes ein Album genießen. Auch “Demiurge” (Subtext) kommt aus den klobigen Köpfen Paul Purgas’ und James Ginzburgs, den beiden Bristolians von Emptyset. Es ist ein Traum aus Quadraten. Lauter Quadrate, Quadrate, Quadrate. Kilometertiefe Frequenzen, diamantene Verdichtungen. Abenteuerliche Abstraktionen ohne Firlefanz und Schöngeisterei. Von, wie gesagt, potenziertem Weltrang.

Ekoplekz aus Bristol wickelt sich auf der “Fountain Square EP” (Mordant Music) in ein Endlos-Magnetband ein, das er vorher einer uralten, erzanalogen Echoplex-Echo-Maschine entnommen hat. Aufgenommen auf einem Vier-Spur-Kassetten-Recorder und roh wie Sprossen.

Auf “Passed Me By” (Modern Love) multipliziert Andy Stott den Dubtechno mit sich selbst. Weichheit entsteht. Oder besser: Eine Vorstellung des Weichen.

Post Scriptum: Steve Spacek, die Belcanto-Stimme des afrofuturistischen Soul, rennt mit dem Electronica-Meister Mark Pritchard nach Chicago. Africa Hi-Tech pflanzen auf “93 Million Miles” (Warp) die Footwork-Bewegung in den genetischen Code des Hardcore Continuums ein. Appropriation Art.

FRUEHLING, 1. Juni 2011

Henneby, 7.38h, 11°C.

Ein Haus in den Dünen. Ganz nahe im Süden bebt die Erde, schallt es mit Wucht, denn südjütländische Armee-Einheiten trainieren hier. Kampfjets, Handgranaten, Panzergeschütze; wer weiß, schwierig zu bestimmen anhand bloßen Hörens.

Es dröhnt. Ewan McGregor sitzt als Der Ghostwriter in diesem Haus in den Dünen und schreibt die Autobiografie des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika.

Ach nein. Es ist der Musikjournalist!

Ganz nahe branden die Wellen an. Mit ihr der Sound der körperlosen, sich selbst verflüssigenden, jugendlichen Sinnhaftigkeit. Dub, Shoegaze, Noise Rock, Noise, Dubtechno, Chill Wave, Witch House… Musik, die diesen Thrill der Mystiksuche so passend mehrwertig zum Klingen bringt, die immer schon mitkommentiert, wie lästig das ist, dass Menschen nach dem Nichtsichtbaren Ausschau halten möchten, wie aufregend aber auch und halt einfach da.

Hier rauscht es. Es rauscht. Die Welt rauscht, und deshalb können Deepchord und Andy Stott, können Animal Collective und Altar Eagle und Broadcast, können Emptyset und gerne auch die vom Langweiligen Obersten Hauntologisten Marc Fisher so verehrten Demdike Stare und vor allem die krass überschätzten Mordant Music und Ghost-Box-Artists so klingen, wie sie klingen.

Genügend Bomben fallen sowieso hinein in das Rauschen.

FRUEHLING, 27. Mai 2011

Evessen, 5.07h, 7°C.

Das Große Evessener Liederbuch

-Zwölfter Eintrag-

No Trophy

in der Version von The Bees, 2001.

Text und Musik: Aaron Fletcher und Paul Butler (The Bees), 2001.

Ask the riverman

Where the river flows

Ask the postman

Who he knows

FRUEHLING, 26. Mai 2011

Evessen, 6.30h, 10°C.

Fantastisch schmecken die Tomaten, ungeheuer die Gurken, frisch aus dem Garten des Lindenhofes der Blattsalat. Das Anti-Robert-Koch-Mittagessen ist ein sommerliches menu de pays.

Man sollte halt wissen, wo ’s herkommt, das gilt doch bei allem und jedem, sonst verspeist man auf einmal noch Blaue Schatten oder welche Aliens so zur Zeit auf der Erde leben. Dann ist es nämlich noch nicht einmal schlimm, in Norddeutschland zu wohnen.

Das Robert Koch-Institut und das Bundesinstitut für Risikobewertung empfehlen über die üblichen Hygieneregeln im Umgang mit Obst und Gemüse hinaus, vorsorglich bis auf weiteres Tomaten, Salatgurken und Blattsalate insbesondere in Norddeutschland nicht roh zu verzehren.

Um das Hämolitisch-Urämische Syndrom zu vermeiden, muss niemand bestimmte Gemüsesorten verdampfen lassen, niemand muss es in Süddeutschland tun, niemand in Norddeutschland. Es geht auch nicht darum, ob ein Bio-Etikettchen auf dem Gemüse klebt oder nicht. Es geht einfach nur darum zu wissen, wer es wie angebaut hat und wie es in den Haushalt gelangt.

Es ist immer noch sehr früh, doch diese EHEC-Bakterien tauchen auf wie ein Symptom. Es sind die Symptome extremer Lieblosigkeit gegenüber allem. Wie in Little Britain, der TV-Serie: man kotzt extrem, man pinkelt literweise, und hebt dabei das Geld vom Konto ab oder richtet sich den Hut.

FRUEHLING, 21. Mai 2011

Evessen, 7.02h, 14°C.

Die Fülle, der Schmerz, der Duft, das Erkunden, das Spielen, der Rhythmus, das Gescheckte, die Pracht, und Umkehren, falsche Route, das Schwitzen, die Sehnen, die Erschöpfung, das Gelb, das Rot, das Blau, das Grün der neuen Kirschen, zweieinhalb Stunden lang immer wieder das Grün der neuen Kirschen.

FRUEHLING, 18. Mai 2011

Evessen, 6.35h, 8°C.

Das Licht taucht die Landschaft in einen grünlichen Weissweinton. Die Weinbergschnecken rasen vor Freude.

Es hat geregnet, drei Milimeter nur, aber immerhin soviel hat es geregnet, dass die Weinbergschnecken zurück kehren. An den Schlappohren da in der Anzuchtschale hätten sie auch ihr Vergnügen.

Die Menschen pflanzen: Loch in den Boden, Meter Abstand, Loch in den Boden. Die gute Komposterde drauf, wie Vulkanerde so schwarz und luftdurchlöchert, durchzogen von Bahnen für die Regenwürmer. Die Jungpflanzen schön andrücken, etwas verdichtete Erde drauf, Mulch drüber.

Hokkaidos werden bald daraus, Ende August. Heute ist Weinbergschneckendisco.

FRUEHLING, 14. Mai 2011

Evessen, 5.58h, 8°C.

Es regnet, es regnet auf Sylt, es regnet in Saarbrücken, es regnet in Tallinn, es regnet in Baku (bestimmt!), es regnet, es regnet, es regnet.

Auch in Salzgitter regnet es, 26km von hier.

Auch in Braunschweig regnet es, 24km von hier.

Die ganze Welt wird gegossen heute. Nur in Evessen regnet es nicht, und in Eilum auch nicht. Der Unterschied zwischen dem Regen der Landwirtschaft und dem Regen des Privatmenschen besteht darin, dass der Privatmensch sagt, “Es regnet”, sobald er oder sie nass wird. Eigentlich sagt der Privatmensch sogar schon “Es regnet”, sobald ein paar Tropfen vom Himmel fallen.

Ein Popjournalist in Berlin würde jetzt, genau jetzt, wahrscheinlich sagen, “Es regnet!”. Denn innerhalb der letzten halben Stunde ist ca. ein Milimeter Wasser herabgekommen. Für die Landwirtschaft ist eine solche Menge nicht von Bedeutung. Gegossen, bewässert werden muss der Boden dennoch.

Deshalb: hat es nicht geregnet.

FRUEHLING, 11. Mai 2011

Evessen, 3.38h, 13°C.

Es ist schon wieder zehn Tage her, dass Markus vom Lindenhof nicht mit dem Wetter einverstanden gewesen ist. Der April war viel zu trocken. Das Obst kann das noch gut vertragen, doch die Felder brauchen Regen, viel mehr Regen. In Schleswig-Holstein, da haben einige Bauern sogar ihren Raps niedergefahren und schnell noch Mais gesät. Und auch seither, seit der Beschwerde: kein Tropfen.

Es war nur ein Wunsch. Statt dessen herrscht hier Wüstenklima, seit gestern sprühen einzelne Tröpfchen vom Himmel. Sie verdunsten, noch bevor sie die Erde erreichen.

Da kommt aus Hamburg eine E-Mail: Gruß aus dem Regen! Zwanzig Minuten später klopft es am Dachfenster. Die Tropfen prallen auf die Staub-und-Pollenschicht und hinterlassen ein gezacktes Muster, was ihnen eine Ähnlichkeit mit der Roten Lachenden Sonne des klassischen “Atomkraft? Nein Danke”-Motives verpasst.

Heitere Fleckchen Flüssigkeit.

Sogar Wolken sind jetzt heraufgezogen! Zwei Minuten später bleiben von dem Vergnügen nur die Wolken. Es regnet anderswo. Hier regnet es nicht.

FRUEHLING, 7. Mai 2011

Evessen, 09.48h, 12°C.

Bass

-Mai 2011-

Horch, da tupft und tippelt es wieder.

Seinem Can-Mitmusiker Holger Czukay wird das schöne Zitat zugeschrieben, Jaki Liebezeit spiele “wie eine Maschine, nur besser.” Dazu gilt es zu sagen: Zur Zeit ist  dieses Spielen in unterschiedlichen Kontexten zu hören. So hat der 72-jährige Schlagzeuger aus Köln in den zurückliegenden Wochen gleich drei verschiedene Studioproduktionen mit unterschiedlichen Ensembles veröffentlicht. Und da er nicht nur wie eine Maschine spielt, sondern sein Spielen auch in den Jahrzehnten nach Can immer charakteristischer, weil feinmaschiger geworden ist, konzentriert sich Bass im Mai ganz auf die Liebezeit-Aufnahmen.

B.I.L.L. etwa benennen sich nach den Anfangsbuchstaben ihrer illustren Nachnamen. An der Seite von Liebezeit praktizieren Robert Lippok an den elektronischen Loops, Hans-Joachim Irmler an den Keyboards und der Flötist mit Schwerpunkt arabische und asiatische Instrumente Clive Bell hier Autoren-Elektronika. Das will etwas heißen, ist das Label Electronica ja bereits den konzeptuelleren Entwürfen elektronischer Pop-Musik vorbehalten. Hier schwirren sie umeinander, WahWah-Gitarren, Flöten-Tremoli, Texturen aus Rauschen und Dröhnen. B.I.L.L. spielen am Rande der Auflösung von Ordnungen. Das Kreiseln von Liebezeits Schlagzeug-Mustern hält diese Tracks beieinander. Expressiver als auf B.I.L.L. (Klangbad) ist die Beat-Forschung des mad professors Dr. Liebezeitstein nicht zu haben.

Wobei, auch Jens-Uwe Beyer überzieht dieses Drumming mit aufgeflexten, sonoren Oberflächen. Und zwar, wenn er auf seinem eigenen Label Magazine eine Produktion veröffentlicht, die sein Zusammentreffen mit dem Schlagzeugquartett Drums Off Chaos dokumentiert. Drums Off Chaos & Jens-Uwe Beyer konfrontiert das Trommeln der Drums Off Chaos, die es bereits seit 1984 gibt, mit Drones, nein, mit überlauten Drones. Bizzarr, delirant und gewaltig wie eine Sternennacht.

Das letztgenannte Attribut würde kaum passen auf die Secret Rhythms 4: Jaki Liebezeit kehrte in den vergangenen Jahren immer wieder zusammen mit Burnt Friedman ins Studio ein. Man begab sich auf die Suche nach den geheimen Rhythmen, die, so sagte es der Schlagzeuger gegenüber dem Kollegen Ralf Krämer vor zweieinhalb Jahren, eigentlich gar nicht geheim sind: “Wenn überhaupt, sind die Rhythmen, die wir benutzen, ein offenes Geheimnis. Nur für den Normalhörer, der den 4/4-Takt gewohnt ist, sind das geheime Rhythmen, die er nicht so leicht kapiert.” Doch neue Wege durch eine Siebener-Zählzeit zu suchen ist nur ein Element der verrückten Wissenschaftler Liebezeit und Friedman. Das endlose Kreiseln hat mit den Jahren auch durch den reduzierten Aufbau des Instruments an Tiefenschärfe gewonnen. Und an Wiedererkennbarkeit: Auf die fußbetriebene Basstrommel verzichtet der asketisch wirkende Liebezeit ebenso wie auf die HiHat und damit gleich auf zwei Standards des Pop. An der Studiokonsole gibt Friedman nur das Nötigste hinzu.

Das Ergebnis ist ein Springen über Bach und Stein im Zustand leiser Defokussiertheit. Liebezeit spielt heute nicht nur noch besser, er spielt auch noch maschineller. In zunehmendem Maße hat er seinen Mustern das Subjekt ausgetrieben. Seiner Musik verpasst Jaki Liebezeit gerade dadurch ein unvorstellbares Quantum an Soul.